Von Advocacy bis Interessen

Von , 21. Oktober 2013 21:00

Ein ABC friedenspolitischer Erfahrungen des WFD und seiner Partner, Teil 1: A-I

von HANS JÖRG FRIEDRICH, Politikwissenschaftler,  Absolvent des DIE und Systemischer Berater (BIF), WFD-Programmkoordinator, seit 1999 von Projekten des Zivilen Friedensdienst (veröffentlicht im KOMPASS #2/2013) Teil 2, Teil 3

Advocacy [‘ædv k si], von advocare, herbeirufen. (Wer hat uns gerufen? Wie? Wozu?)
Basisnähe ist eine von mehreren möglichen Legitimationen fu?r Advocacy, vielleicht die nächstliegende fu?r den Zivilen Friedensdienst (ZFD): dauerhafte Arbeitszusammenhänge mit der einfachen Bevölkerung, in denen Partnerorganisationen und ZFD-Fachkräfte die Wirkung vorhandener und unterlassener Politik erfahren. ? Mandat
Die Corporate Identity einer basisnahen, operativen Nichtregierungsorganisation (NRO) geht nicht umstandslos einher mit Advocacy. Der Entschluss zur öffentlichen Selbstdarstellung als Artikulator ungehörter Bevölkerungsinteressen erfordert nicht nur eine Umgestaltung der Kommunikation mit den Zielgruppen (Interesse an deren Wollen statt deren Können), sondern wirkt auch auf die internen Strukturen und Umgangsformen zuru?ck. (Wie passt das Leitbild der leisen Mediation zu Handlungsformaten der Advocacy?) ? Respekt
Demokratie erschöpft sich nicht in sporadischen Wahlen und einem Mehrparteiensystem. Auch legitime Regierungen haben nur ein hochgradig allgemeines Mandat einer Mehrheit. Ohne laufendes Feedback von unten zu den gesetzten Prioritäten und deren Auswirkungen entfernen sie sich rasch von den realen Problemlagen. Advocacy fu?r spezifische Bevölkerungsanliegen ist daher ein notwendiges Element demokratischer Systeme. Wer Präsident werden will, um Bu?rgerrechte noch besser durchzusetzen (Guinea-Bissau), oder immer wieder bitter enttäuscht von „seiner“ Partei ist, wenn diese die Regierung stellt (Deutschland), u?berschaÅNtzt die Möglichkeiten von Teilsystemen und u?bersieht die Chancen von checks and balances. Embedded Military: Im Interesse der Deeskalation kann die Zivilgesellschaft auch Militärs und Polizisten „einbetten“, etwa in regelmäßig zusammentretende lokale Friedensforen in Unruheregionen wie in Guinea-Conakry (Kompass Ausgabe 1) oder den simbabwischen Eastern Highlands. Neben der vertrauensfördernden und „zivilisierenden“ Kraft des direkten Dialogs mit anderen Akteuren mu?ssen sich die Sicherheitskräfte hier auch argumentativ mit Sichtweisen und Logiken der Zivilgesellschaft auseinandersetzen. Es ist schwierig, in solchen Kontexten Hardliner zu bleiben.
Fokusgruppen von Advocacy sind nicht nur nationale Regierungen. Die Lebensbedingungen der einfachen Bevölkerung werden auch maßgeblich durch Kommunalverwaltungen, Katasterämter, örtliche Polizeistationen oder MilitaÅNrstu?tzpunkte, Unternehmen oder regionale Rebellenbewegungen beeinflusst. Beim Engagement gegen gewaltsame kulturelle Praktiken wie Genitalverstu?mmelung können es sogar weite Teile der Bevölkerung sein.
Advocacy braucht ein ansprechbares, konkretes Gegenu?ber. Manche Partner bauen dafu?r persönliche Beziehungen zu Schlu?sselpersonen in Regierung und Parlament auf (Burundi S. 12). Andere arbeiten von vorneherein auf beiden Seiten und bemu?hen sich parallel um das Empowerment der Dorfbevölkerung und das demokratische Rollenverständnis der örtlichen Autoritäten (Angola). Das Augenmerk gilt nicht der Übermittlung der Botschaft an die andere Seite, sondern dem Aufbau von Beziehungsfähigkeit und beiderseits anerkannten Beziehungsformaten. ? ZFD
„Hauptstadt-NRO“ sind zwiespältige Akteure. Sie sind fu?r Geber sichtbar, beherrschen deren Diskurs, vertreten oft nur wenige Einzelmitglieder und erhalten institutionelle Förderung. Oft treten sie mutig Übergriffen der Regierung entgegen. Der Austausch mit Geberzentralen und TeilnehmerInnen hochrangiger Konferenzen ist intensiv, Beziehungen zur ärmeren Bevölkerung bestehen kaum. Solche gemeinnu?tzigen Consultings erfu?llen wichtige menschen- und bu?rgerrechtliche Funktionen, sind aber eher fachlich als sozial mandatiert und argumentieren mitunter, wie in der burundischen Debatte um Straflosigkeit, politisch korrekt an prioritären Bevölkerungsanliegen vorbei. Man kann vielfältig mit ihnen kooperieren, sollte sie jedoch nicht als Repräsentanten der local people ins Boot holen.
Interessen haben nicht nur die Bösen; das Eigeninteresse von Advocacy- Akteuren an sinnvoller Arbeit und anständigem Gehalt steht nicht in Widerspruch zur Anwaltschaft fu?r Dritte. Inzwischen ist zivile Konfliktbearbeitung jedoch ein gefragtes Produkt auf dem internationalen Entwicklungsmarkt. Fu?r NRO entsteht so die Versuchung, mitunter sogar das Geschäftsmodell, sich Zielgruppen als vorzeigbares soziales Kapital zu „halten“, um durch externe Finanzierungen Zutritt zur Konferenzkultur zu bekommen (Senegal, Mosambik). In der Folge versanden die Basiskontakte und werden durch Beziehungen zu Machtgruppen und Geldgebern ersetzt, die man eifersu?chtig hu?tet. Die Proliferation solcher Kriegsgewinnler ist tödlich fu?r transparente, konstruktive Friedensprozesse. ? Basisnähe, Hauptstadt-NRO, Mandat, Verbu?ndete

Antwort hinterlassen

Panorama Theme by Themocracy