Vom Untergrund ins Armenviertel – eine Spurensuche

Von , 30. November 2012 23:03

Deutschland in den 1970er-Jahren: Lutz Taufer unterstützt den bewaffneten Kampf der RAF. 20 Jahre lang sitzt er im Gefängnis. 2003 wird er Kooperant des Weltfriedensdienstes und hilft Jugendlichen und Erwachsenen in Brasilien.

von LUTZ TAUFER (veröffentlicht im KOMPASS #1, 2012)

Aufgewachsen nach dem Zweiten Weltkrieg war ich ein Kind des Kalten Krieges. Diffus antikommunistisch, überhaupt dem Zeitgeist verbunden: politisch Lied, garstig Lied. Mit Politik wollte die Elterngeneration nach dem Zusammenbruch ihrer Nazi-Welt 1945 einfach nichts mehr zu tun haben. Fleiß, Ordnung, Sauberkeit, das waren die Restbestände aus der Konkursmasse. Eine triste Mondlandschaft, in der wir nicht atmen konnten. An der Uni zerriss ich vorerst aber demonstrativ Flugblätter, die mir von den StudentInnen in die Hand gedrückt wurden, die bereits auf einem anderen Weg waren. Am 3. Juni 1967 ging ich zum ersten Mal auf eine studentische Protestveranstaltung, einen Tag zuvor war in Berlin der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen worden. Wenig später das Attentat auf Rudi Dutschke. Die Logik der Radikalisierung war in Gang gesetzt. Aus der Bewegung „Friede in Vietnam“ wurde „Waffen für den Vietcong“.

Ich ging einen 68er-Weg, wie viele meiner Generation. Ein Leben im Vorgefundenen war nicht vorstellbar. Wir konnten gar nicht anders, als andere Lebensentwürfe zu erfinden. Militanz, auch gewaltsam, war kein isoliertes Phänomen. Wir sahen uns in einem gemeinsamen Kampf mit den antikolonialen Befreiungsbewegungen, etwa in Vietnam und in afrikanischen Ländern, mit bewaffnet gegen die Militärdiktaturen in Lateinamerika kämpfenden Gruppen und Bewegungen. Staatliche Repression interpretierten wir als Heraufdämmern eines neuen Faschismus in Deutschland. Einige filterten aus der gegen die RAF-Gefangenen praktizierten Isolationshaft eine Legitimation, Grenzen zu überschreiten, deren Überschreitung uns nun wirklich nicht in die Wiege gelegt war. Ich selbst beteiligte mich 1975 am Überfall auf die bundesdeutsche Botschaft in Stockholm. Wir wollten RAF-Gefangene freipressen. Ich bin mitverantwortlich für den Tod zweier Geiseln, die bei dieser Aktion erschossen wurden.

Das war die unbearbeitete Ausgangslage, mit der ich im Gefängnis erst einmal allein war. 1977, im Deutschen Herbst, entführte ein Palästinenserkommando eine Lufthansa-Maschine nach Mogadischu. Die Insassen waren Mallorca-Urlauber. Ich kritisierte die Aktion in Briefen nach draußen, aus heutiger Sicht viel zu zaghaft. Die RAF war ein Kind der 68er-Bewegung, die es nicht mehr gab, ich wollte, dass wir uns mit den neu entstehenden Bewegungen, etwa der Anti-AKW-Bewegung, auseinandersetzten. Es dauerte, bis ich in meinem Denken und Fühlen zulassen konnte, dass die Geiselerschießung, für die ich mitverantwortlich bin, ein barbarisches Verbrechen ist. Damit werden nicht nur Menschenleben zerstört und wird den Angehörigen schweres Leid zugefügt, zerstört wird auch die Hoffnung auf eine menschlichere Welt. Die soziale Radikalität von ’68 hat sich in der RAF in militärische Radikalität verwandelt.

Zur Menschenrechtsarbeit, die ich später in brasilianischen Favelas verrichteten sollte, stand dies in eklatantem Widerspruch. Dort würde ich auf eine Situation treffen, in der sich die Frage von erlittener und ausgeübter Gewalt ganz anders darstellt. Die demografische Kurve bei männlichen Jugendlichen zwischen 16 und 24 Jahren im Großraum Rio de Janeiro hat eine Delle nach unten. Das sind die Jugendlichen, die in den Kriegen der Mafiabanden und in den Schießereien mit der Polizei umkommen. Aber die Favela ist auch ein Ort, wo viele Menschen in ihrem tagtäglichen Überlebenskampf es sich nicht nehmen lassen, ethisch-moralische Grundwerte menschlichen Zusammenlebens hochzuhalten. Gewaltanwendung ist da wirklich ein Tabu, jedenfalls im urbanen Bereich.

Nach 20 Jahren Haft wurde ich freigelassen. Ein Jahr später reiste ich zum ersten Mal nach Lateinamerika. Mitglieder der Tupamaros, einer ehemaligen Stadtguerilla-Gruppe gegen die sich anbahnende Diktatur in Uruguay, hatten mich in den letzten Haftjahren besucht. Nach dem Ende der Diktatur und ihrer Freilassung gründeten die ehemaligen Tupamaros 1985 eine politisch-soziale Bewegung, Resultat einer umfassenden Debatte. Hier in Montevideo gab es also ein Leben, auch ein politisches, nach dem bewaffneten Kampf. Bei meinem ersten Aufenthalt in Uruguay traf ich einen meiner ehemaligen Besucher. Er selbst war wie auch ich lange in Isolationshaft gewesen. Jetzt ist er Minister, nicht unumstritten. Damals war er Beauftragter für internationale Beziehungen seiner Organisation. Zwei Stunden quoll es aus ihm heraus, über das Nachbarland Brasilien. Er war begeistert über die Landlosen-Bewegung MST. Es gelang ihm, mich mit Brasilien zu infizieren.

2002 zeichnete sich ab, dass ich als Kooperant des Weltfriedensdienstes in brasilianischen Favelas arbeiten, Verantwortung für etwas Sinnvolles würde übernehmen können. Ich würde mit Menschen arbeiten, die sich bemühten, aus eigenen Kräften ihre Lebenssituation zu bewältigen, oft mit dem Rücken zur Wand. Das kannte ich. Da ich mir selbst beweisen wollte, dass ich noch etwas anderes kann als RAF und Knast, legte ich mich ins Zeug. Gelegentlich schimmerte eine Erinnerung durch: Sind das wirklich die Menschen, um deren Befreiung es uns angeblich gegangen war? Ja, sie sind kämpferisch, auf eine ganz unspektakuläre Weise und mit ganz anderen Zielen. Sie suchen nicht den Bruch mit der bürgerlichen Gesellschaft, wie wir es versucht hatten, sie kämpfen um Inklusion, einen Zugang zur bürgerlichen Gesellschaft. Und darin sind sie etwa der Bewegung der Indignados, zum Beispiel in Spanien, die gegen ihre Exklusion kämpfen, sehr nahe.

In zwei Projekten der Armutsbekämpfung 2003 bis 2011 errichteten Favela-BewohnerInnen mit unserer Unterstützung Berufsbildungszentren, führten zahlreiche Berufsbildungskurse durch, implementierten eine regionale Arbeitsvermittlungsagentur, unterstützten Schulkinder beim Lernen, ermöglichten Jugendlichen, die hohe Hürde des Zugangs zu einem gebührenfreien Universitätsstudium zu nehmen, trainierten andere, um die Aufnahmeprüfung in den öffentlichen Dienst zu schaffen, bildeten kommunale MultiplikatorInnen aus in Themen wie Projektentwicklung und -management, Konfliktmanagement, Fundraising, Solidarökonomie, Kooperativwesen, Gender und vvielem anderen mehr. Einige der KursteilnehmerInnen kandidieren derzeit für das Stadtparlament ihres Munizips, der lokalen Verwaltungseinheit. Andere arbeiten in gesetzlich verankerten Partizipativgremien mit, wo sie gegen die Präfektin die Teilnahme des Munizips am bundesstaatlichen Programm der Solidarökonomie und die Einrichtung eines Frauenhauses durchgesetzt haben. Wir gaben männlichen Jugendlichen, deren mittlere Lebenserwartung beim narcotrafico, der Drogenmafia, bei 24 Jahren liegt, eine Perspektive zum Ausstieg und Überleben. Jugendliche aus fünf Favelas erarbeiteten, zusammen mit dem Theater des Unterdrückten, ein Stück zum Thema Teenager-Schwangerschaft. Ein großer Erfolg. Am Ermutigendsten war die Durchführung von Kleinstprojekten. Lokale Gruppen konnten mit einem kleinen Betrag ein Projekt selbstständig erstellen, durchführen und nach Abschluss berichten und abrechnen. Hier hatten wir es mit Menschen zu tun, denen über Generationen hinweg eingebläut worden war, dass sie nichts wert sind, dumm, faul und kriminell und dass sie immer jemanden über sich brauchen, der die Dinge für sie regelt. Wie der Faschismus in Deutschland jahrzehntelange Fernwirkungen hatte, so die Sklaverei in Brasilien. Die Hingabe, Fantasie und Akkuratesse, mit dem die Gruppen diese Herausforderung bewältigten, zeigte, wovon diese Menschen träumten: ihr Leben und das Leben ihrer Gemeinschaft in die eigenen Hände zu nehmen. Und dass sie es können!

Brasilien hat mir etwas gegeben und mich etwas gelehrt. Ich weiß heute, dass wir in Deutschland relativ sind. Absolutheitsansprüche und Überlegenheitsdünkel, die es in Deutschland so oft gab und die heute noch immer nicht völlig überwunden sind, haben mit der Realität nichts zu tun. Sie helfen nicht. Sie verstellen den Blick auf die bisweilen schwierig zu handhabende Differenz und eine oft bereichernde Vielfalt. Eine brasilianische Freundin, die derzeit als Wissenschaftlerin in Frankfurt tätig ist, sagte mir am Telefon: „Hier gibt es wenig Geduld mit dem Unterschied!“ Brasilien ist ein anderes Gewächs. Es hat eine völlig andere Geschichte als wir, eine Geschichte, die zu Strukturen, Lebenseinstellungen, Empfindungen, Dynamiken und Prozessen, zu einer anderen Art, auf der Straße zu gehen, führt, die von unseren oft ziemlich verschieden sind. Sie sind nicht besser oder schlechter, sie sind anders. Auf jeden Fall aber genauso legitim.

Ich glaube, wir müssen in unserer heutigen sehr komplexen und widersprüchlichen Welt auch etwas stehen lassen können, was wir nicht sofort einordnen, verstehen können. Der brasilianische Soziologe Gilberto Freyre stellte fest: Die Brasilianer leben ein „und … und“, die Europäer ein „entweder … oder“. Die RAF funktionierte nach „entweder … oder“.

Als Kooperant musste ich lernen, mit diesem „und … und“ umzugehen. Der Mikrokosmos Favela ist nicht von jetzt auf nachher zu verstehen. Ich musste mich anpassen, ohne mich aufzugeben. Es war nicht mein Job, mich in einen Brasilianer zu verwandeln. Die Deutlichkeit etwa, mit der in Deutschland kritisiert wird, und das gehört auch zu meiner Sozialisation, ist in Brasilien verletzend. Auf der anderen Seite muss es in einem Projektteam die Möglichkeit geben, Fehler und Defizite anzusprechen. Als Drittes musste ich um ein ein konstruktives Arbeitsklima bemüht sein. Oft genug war die Arbeit mit den brasilianischen KollegInnen und den lokalen Gruppen ein Balanceakt, ein immer wieder neues Abwägen.

Im Gefängnis hatte ich gelernt, mich nur auf mich selbst zu verlassen, nur meinen eigenen Kräften zu vertrauen. Ich musste in der Favela lernen, zuzuhören, geduldig zu sein, verstehen, dass mit Einzelkämpfertum keine gemeinsamen Prozesse in Gang gesetzt werden. Ich musste lernen, dass meine analytische Bewältigung der Wirklichkeit keine universelle Gültigkeit hat. Die Armen nähern sich der Wirklichkeit narrativ. Auch hier werden Schlussfolgerungen gezogen. Die Erfahrung der Isolationshaft hat mich gelehrt, Information und Kommunikation wertzuschätzen. Mensch neigt dazu, sich in schwierigen Situationen Bilder zu machen, die nicht immer realitätstüchtig sind. Je unzureichender die Information, je dünner die Kommunikation, desto größer das Potenzial für Missverständnis und Misstrauen. Was das Angebot von Kommunikation und Information betrifft, war ich in Brasilien stets bemüht, mit überzeugendem Beispiel voranzugehen. Ich glaube, das war oft eine wirkungsvolle Konfliktprävention. Politisch habe ich egalitäre Wurzeln. Brasilien ist in weiten Teilen noch immer eine stark hierarchisch und paternalistisch geprägte Gesellschaft. Das hat mir oft Bauchschmerzen gemacht. Aber man kann etwas anderes vorleben: Respekt vor dem, wie die Menschen und ihre Familien sind, sie dort abholen, wo sie sind. Die Menschen verstehen das und schätzen es. Es gibt ihnen die Idee, dass eine andere Welt möglich ist, in der sie wertgeschätzt werden.

Ich bin froh, dass ich mit diesen Menschen lernen durfte. Die Mehrzahl der Frauen (und wenigen Männer), mit denen wir zusammenarbeiteten, waren meist gut drauf. Oft zu Späßen und Geplauder aufgelegt, manchmal zu oft, da es die uns abverlangte Arbeitsdisziplin behinderte. Mit meinem Effizienzdenken war das oft nicht in Deckung zu bringen. Sicher gibt es in der Favela auch Depression und Traurigkeit, aber Lebensfreude, das habe ich hier gelernt, ist eine Waffe im Überlebenskampf. Um in so schwieriger Situation überleben zu können, bedarf es eines langen Atems und positiver Lebensenergie. Auch das ist eine Frage der Effizienz.

Eingeladen im Haus der Witwe eines bekannten brasilianischen Journalisten saß man in großer Runde zusammen. Eine Dame fragte mich, quer durch den Saal: „Sag mal, weshalb bist du hier in Brasilien?“ Ich sagte: „Wenn ich in Deutschland aufwache und habe ein Problem, gibt es für alles bereits eine vorgefertigte Lösung. In Brasilien muss ich mich anstrengen, eine Lösung zu finden.“ Großer Beifall, das gefiel. Vielleicht konnte ich mit meiner Arbeit im Mikrokosmos Favela dort anknüpfen, wo meine Generation 1968 aufgebrochen war: die emanzipative Suche nach den eigenen Möglichkeiten, das Erschließen der eigenen Quellen, die gemeinsame Gestaltung.

Bei meiner Arbeit in der Favela habe ich gelernt, die Bedeutung demokratischer Teilhabe besser zu verstehen. Sie braucht Zeit und Geduld. Eine lokale Gruppe ist ein lebendiger Organismus, der im Lauf seiner Entwicklung und Reifung eigene Kriterien und Normen entwickelt. Die lokale Gruppe ist eingebunden in einen Prozess der Vernetzung. Die permanente Auseinandersetzung mit anderen, gerade auch solchen, die anderer Meinung sind, schützt vor realitätsfernen Abstraktionen, zwingt immer wieder, die eigenen Vorstellungen noch einmal zu durchdenken und zu überprüfen. Diese Prozesse stärken das individuelle und kollektive Selbstbewusstsein.

1985 war das Jahr, in dem in Brasilien die Militärdiktatur endete – und es war das Jahr, in dem die Regierung Thatcher den einjährigen Streik der britischen Bergarbeiter niederschlug. Es beginnt die Epoche des Glaubens an das freie Spiel der Marktkräfte, deren katastrophale Folgen wir heute erleben. Anders als in der Bundesrepublik Deutschland mit der 68er-Bewegung hatte Brasilien – zwischen Militärdiktatur und Neoliberalismus – keine nennenswerte Phase der Alltagsdemokratisierung. Nachhaltigkeit in der Entwicklungszusammenarbeit und Armutsbekämpfung heißt für mich die wechselseitigen demokratisch-partizipativen Lernprozesse in der Zivilgesellschaft zu fördern.

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