Jubas Reise

Von , 17. Dezember 2014 09:46

 Juba bedeutet „Taube“ in der Sprache ihres Volkes, der Zulu. Sie wurde so genannt, weil sie als Säugling gurrte wie eine Taube. Eigentlich heißt sie Khetokule Khuzwayo.
Juba wuchs in der Nähe von Durban auf. Wie fast alle Städte und Dörfer in KwaZulu-Natal war auch ihre Gemeinde damals in der Mitte zerrissen. Auf der einen Seite standen die Anhänger der konservativen Inkatha Freedom Party (IFP). Sie traten für ein unabhängiges traditionelles Zulu-Königreich ein und arrangierten sich dafür auch mit dem Apartheidsregime. Auf der anderen Seite strebte der African National Congress (ANC) ein vereintes, demokratisches und nicht-rassistisches Südafrika an.
Beide Parteien errichteten in der ganzen Provinz verbotene Zonen für die Anhänger der jeweils anderen Partei. Die Grenze zwischen diesen Zonen, oft markiert durch eine Straße, schnitt sich tief in den Alltag der Menschen. Busfahrer, die eine solche Straße überquerten, riskierten ihr Leben und das der Fahrgäste. Auf der anderen Seite der Straße zu arbeiten, dort einen Menschen zu lieben, oder nach Einbruch der Dunkelheit nach einer Geburtstagsparty in der Nähe vorbeizukommen, konnte den Tod bedeuten.

Juba lebte mit ihrer Familie an einer dieser Straßen. „Gewalt stand auf der Tagesordnung. Ich musste es immer wieder mit ansehen und wurde auch  selbst Opfer“,  erinnert sie sich. „Einen Abend in den frühen 80er Jahren werde ich nie vergessen: Mit  meinen Großeltern saß ich beim Essen, als es draußen laut wurde. ANC- und Inkatha-Anhänger gingen ganz in der Nähe aufeinander los. Die Kämpfe wurden  immer lauter, und plötzlich brachen Männer in unser Haus ein. Sie waren aufgebracht, drohten uns mit ihren Waffen und schrien, sie würden uns alle umbringen. Ich hatte Angst! Aber wir kamen mit dem Leben davon.“
Jubas Erlebnis war kein Einzelfall. Sogenannte Bürgerwehren, oft gebildet durch Jugendbanden, verteidigten ihre Zonen und griffen über die Straße hinweg die der anderen Partei an. Sie zogen bis an die Zähne bewaffnet, mit traditionellen Speeren und Keulen der Zulu-Krieger und Schusswaffen  durch Wohngegenden, brachen in Häuser ein, verprügelten die Einwohner und zwangen Menschen, sich zur „richtigen“ Seite zu bekennen. Um das zu beweisen, mussten sie  die entsprechenden Partei-Lieder vorsingen. Diejenigen, die sich nicht fügten, konnten von Glück reden, wenn nur ihre Häuser niedergebrannt wurden und sie flüchten konnten. Neutralität war unmöglich. Sie bedeutete in der Logik der Kämpfer, auf der Seite des Feindes zu stehen. Tausende Menschen verloren ihr Leben, Hunderttausende wurden vertrieben.
„Ich war damals sehr jung und vielleicht auch ein wenig naiv, was soziale Gerechtigkeit und Menschenwürde betrifft. Aber irgendwie wusste ich, dass Südafrika nur dann eine Zukunft hat, wenn die Menschen hier ihre Denkweise ändern.“

Der Bürgerkrieg hielt die Provinz weiter im Würgegriff und ließ auch Juba nicht los: Als Studentin der Psychologie machte sie  1999 ein Praktikum bei Sinani. Sinani ist ein Zulu-Wort und bedeutet übersetzt: „Wir sind mit Euch“. „Das, was ich schon lange im Gespür hatte, wurde damals zur Gewissheit. Sinani war Vorreiter in der professionellen Arbeit mit Gewaltopfern, ehemaligen Kämpfern und verschiedenen politischen Parteien. Und hier konnte ich es erleben: Die Menschen, mit denen Sinani arbeitete, änderten wirklich ihre Denkweise!  Plötzlich konnte ich die Zukunft unseres Landes sehen.“

Nach dem Praktikum setzte Juba zunächst ihr Studium fort. Zwei Jahre später trat der Polizeipräfekt von Umbumbulu, einer von massiven Kämpfen betroffenen Gemeinde, auf Sinani zu. Er bat die MitarbeiterInnen, mit traditionellen Führern, den Amakhosi, zu arbeiten, um endlich den Kreislauf der politischen Gewalt zu durchbrechen. Diesem Kampf waren  bereits 3000 Menschen zum Opfer gefallen. Die Sinani-MitarbeiterInnen erinnerten sich an ihre ehemalige Praktikantin Juba und boten ihr eine Stelle an. Möglich wurde dies, weil der Weltfriedensdienst im selben Jahr begann, die Friedensarbeit von Sinani zu fördern. Das war ein Wink des Schicksals, Juba zögerte keine Sekunde.

Die Straßen, die die Grenze zwischen den Kriegsparteien bildeten, waren seit Jahren nur überquert worden, um Gewalt auf der jeweils anderen Seite auszuüben. Jetzt liefen  die Sinani-MitarbeiterInnen über diese Straßen und betraten – für alle sichtbar – an einem Tag die Zone links und am nächsten Tag die Zone rechts der Straße, um mit den Kriegsparteien über Frieden zu sprechen. Ein unerhörter Vorgang! Es dauerte lange, bis die zutiefst misstrauischen und verfeindeten Amakhosi bereit waren, mit Sinani zusammenzuarbeiten.

„Da war viel Hass, tiefer Hass. Angenommen, jemand hat sein Haus abbrennen sehen, und er hat es gerade noch geschafft zu fliehen. Er hat die Täter gesehen. Der wollte natürlich keine Versöhnung!“ Mit Besuchen und langen Einzelgesprächen unter strenger Beachtung der Protokollvorschriften gelang es schließlich, Vertrauen und die Bereitschaft zum Dialog zwischen den traditionellen Führern beider Seiten zu schaffen. Mit der Zeit beteiligten sich auch Parteiführer und Regierungsvertreter.

Es sollte noch zwei Jahre dauern, bis die Zeremonie tatsächlich durchgeführt werden konnte. Vorher mussten noch viele Hürden überschritten werden: Das Misstrauen zwischen Gemeinden und Familien war groß, und auch die Angst, dass der Frieden nicht hält. Dass es am Ende dann doch gelang, ist das Ergebnis schier endloser Geduld.
Am 11. März 2007 schließlich strömten dann fast 10.000 Menschen aus den ehemals verfeindeten Gemeinden von Umbumbulu zur großen öffentlichen Versöhnungsfeier zusammen. „So eine große Reinigungszeremonie, gemeinsam mit allen Amakhosi, dem König und der Regierung, so etwas hatte es hier noch nie gegeben. Die Menschen empfanden es als Wiedergeburt der Gemeinden. Die eigentliche Friedens- und Versöhnungsarbeit haben sie jedoch in den Jahren davor in vielen kleinen Schritten geleistet.“

Die Straßen in Umbumbulu sind heute ganz normale Straßen. Die Taxibusse fahren wieder zwischen den ehemals verfeindeten Gemeinden. Die Menschen können sich ohne Angst besuchen, auch wenn sie auf der anderen Straßenseite wohnen.

Jetzt, wo der Frieden erreicht  ist, wird der Blick auf die dahinter liegenden Probleme frei. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft weit auseinander. Extreme Armut, Kriminalität und die höchste HIV/Aids-Rate im Land beherrschen das Leben der Menschen. Die ehemals offene Gewalt hat sich nun – besser verborgen – in die Familien verlagert. Es liegt noch ein weiter und steiniger Weg vor Sinani.

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