express yourself

Von , 30. Oktober 2009 01:49

Nach einer weiteren viel zu kurzen Nacht, klebrigen Marmeladenstullen und Tee im Hotel und der rettenden Tasse Milchkaffee bei Uli und R. fuehrt uns der Weg nach Bethlehem. Weil der Haupteingang heute fuer juedische Glaeubige reserviert ist, die zu tausenden zu Rahels Grab pilgern, geht es fuer uns einmal um die Stadt herum. Wir bestehen den Schlomo oder Ahmed-Test der Soldaten mal wieder auf den ersten Blick und werden durchgewunken.

gtcIn Bethlehem sind wir, um GTC persoenlich kennen zu lernen. Der Weltfriedensdienst will die Arbeit des  Guidance and Training Center ab dem naechsten Jahr personell und finanziell unterstuetzen. Der gemeinsame Projektantrag liegt zur Bewilligung beim BMZ. Der Direktor des Projekts Victor, stellt uns bei Keksen und Tee die umfangreichen Aktivitaeten des Centers vor. Es geht um die Behandlung psychischer Schaeden, die unter derart schrecklichen Bedingungen, einer politisch, sozial und oekonomisch schwierigen Situation wie in Palestina, besonders haeufig sind.
Das Thema wird weitgehend tabuisiert, Menschen mit Schwierigkeiten schnell stigmatisiert, erklaert Victor. Daher kombinieren sie ihre Arbeit mit einer Aufklaerungskampagne, bieten den Menschen sowohl Unterstuetzung bei Schizophrenie und Depressionen als auch in der Bewaeltigung von Familienproblemen und sexueller Aufklaerung. Weit spannt sich der Bogen aus Aktivitaeten bis hin zu den ambitionierten Vorhaben eine  arabisch-sprachige Fachbibliothek aufzubauen und moeglichst viele Akteure und Institutionen, wie Schulen, Universitaeten, das Gesundheits- und Bildungsministerium und palestinensische wie internationale Nichtregierungsorganisationen miteinander zu vernetzen.

Die Leute von GTC betrachten die Arbeit als Einsatz fuer ihre Leute und ihre Gemeinschaft. “Das ist mein Platz”, sagt Viktor, “hier kann ich am Ende des Tages sagen, etwas wichtiges getan zu haben fuer die Gemeinschaft. Diese Arbeit stellt mich zufrieden.” Besonders lohnend sei die Arbeit mit Kindern. Wenn sie sich im Verlauf der Therapie oeffnen, beginnen, Gefuehle zu zeigen, Froehlichkeit oder einfach nur laecheln, wird ihm immer wieder klar, dies ist der richtige Platz. Wir fuehlen uns auch am richtigen Platz, jetzt ist das BMZ dran.

al-madaWeiter geht es nach Ramallah. Wir treffen Reema, Riham und Odeh von unserer Partnerorganisation Al-Mada. Zusammen bauen WFD und Al-Mada ein Musiktherapie-Zentrum auf. Tomeh ist Direktor, technischer Berater fuer die Musiktherapie, Komponist und Musiker. Er nimmt sich Zeit fuer das Interview, erklaert mir die technischen Aspekte des Programms und die Idee der Musiktherapie:
Wenn Menschen nicht die Moeglichkeit bekommen, ihre Gefuehle auszudruecken, gezwungen werden, oder sich gezwungen fuehlen, sie in sich einzusperren, nehmen sie Schaden. Das betrifft den Geist, den Koerper, ihre Lebensqualitaet. In der palestinaensischen Gesellschaft, so Odeh, seien die Moeglichkeiten seinen Gefuehlen Ausdruck zu verleihen sehr gering, die aeusseren Gegebenheiten besonders frustrierend und deprimierend. Insbesondere gaelte das fuer Kinder und Jugendliche. Hier greift die Arbeit des Musiktheraphie-Zentrums, an Schulen und mit verschiedenen Ziel- und Altersgruppen in Ramallah. Musik hat die Faehigkeit, in Menschen etwas zu bewegen, Stress zu loesen, Gefuehle auszudruecken und dabei vor allem Freude. In der Therapie lernen die Menschen so Abstand zu nehmen von ihrem Alltag, ihre Gefuehle, sich als Ganzes und ihr Leben wertzuschaetzen.

Nachdem ich das Aufnahmegeraet ausgeschaltet habe, philosphieren wir noch eine gute Stunde, ueber die Wahrnehmung des eigenen Ichs, die Hindernisse, die wir uns in den Weg legen und legen lassen, wir selbst zu sein. Der Moment sei am Wichtigsten, sagt Odeh, die Gegenwart und nicht die Hyphothek irgendeiner Vergangenheit, die wir nicht beeinflussen koennen, oder der Zukunft, die nicht gewiss ist. Wenn wir in der Gegenwart nicht wir selbst sind, werden wir auch in der Zukunft nicht zufrieden sein koennen. Was wir jetzt machen ist wichtig. Mir geht Ghandi durch den Kopf:

“Es gibt keinen Weg zum Frieden, der Friede ist der Weg!”

Shalom!  Aleikum Salaam!

3 Antworten für “express yourself”

  1. Tillman sagt:

    Hier noch ein ein guter Artikel von http://www.telepolis.de über die israelische Blockadepolitik gegenüber Israel: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/31/31784/1.html.

  2. [...] Tage erneuert sich der WFD und beginnt social-media für sich zu erobern. Es entsteht gerade ein WFD-Blog, der zukünftig über aktuelle Ereignisse in den Partnerprojekten berichtet, hinzu kommt ein [...]

  3. katrin sagt:

    Was für eine verwirrende Vorstellung: Dass Ihr in der Westbank darüber sinniert, welche Hindernisse uns dabei im Wege stehen, wir selbst zu sein – überall. Diese universale Dimension machen wir uns viel zu selten bewusst. Hoffentlich trägt Euer Besuch, tragen Eure Gespräche dazu bei, dass unsere PartnerInnen in Palästina sich noch mehr als zuvor als Teil einer weltweiten Gemeinschaft erleben können. Dass ihnen bewusst wird, dass sie trotz ihrer besonderen Situation auch viele Probleme mit den meisten Menschen teilen. So fühlt man sich weniger eingeschlossen, stelle ich mir vor.
    Es klingt sehr sinnvoll, was der Weltfriedensdienst vorhat. Und macht es leichter die Frage zu beantworten, was eigentlich Projekte des Zivilen Friedensdienstes vermögen, obwohl sie keinen unmittelbaren Einfluss auf die politischen Verhältnisse haben.

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