Berlinale 2014 Friedensfilmpreis

Martin Zint, Mitglied der Jury des Friedensfilmpreises 2014, notiert hier seine Erlebnisse auf der 64. Berlinale

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Das war’s

Von , 16. Februar 2014 15:44

Berlinale ist Ausnahmezustand – früh aufstehen, spät ins Bett kommen, akkumuliertes Schlafdefizit. Leute treffen, die man sonst im ganzen Jahr nicht sieht. Und Bloggen. Das bedeutet, über das Erlebte nachzudenken und es in Worte zu fassen. Es ist Teil meiner „Psycho-Hygiene“, so eine Art Zähneputzen, damit die Schmutzreste nicht Nachts in den Zahlhöhlen Unfug treiben. Beim Zähneputzen bin ich in aller Regel alleine, mit diesem Blog lasse ich die Welt zuschauen. Bloggen ist ja so etwas wie Tagebuch schreiben, eines mit kleinem Vorhängeschloss dran. Journal Intime, wie es die Franzosen nennen. Aber wenn man das Intime öffentlich macht, wird es politisch. Und wenn es nur unsortierte Gedanken sind, sie können auf tausendfaches Echo stoßen, sogar Revolutionen auslösen. Nicht auszudenken, wie die deutsche Geschichte verlaufen wäre, wenn Georg Büchner gebloggt hätte, statt den Hessischen Landboten drucken zu lassen. (http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Hessische_Landbote)
Ich höre heute erst mal mit dieser Art revolutionärem Treiben auf. Danke für die vielen Rückmeldungen an mich. Hier auf der Seite kann man regelmäßig den Fortgang der Projekte des Weltfriedensdienstes verfolgen. Immer mal wieder reinschauen lohnt sich! Tschüß!

 

Friedensfilmpreis 2014 vergeben!

Von , 14. Februar 2014 23:53

Der Friedensfilmpreis 2014 geht an “We Come As Friends”. Der österreichische Filmemacher Hubert Sauper fliegt mit einem selbstgebauten Kleinflugzeug nach Afrika, ins Epizentrum eines Konfliktes: in den Sudan. Bei jeder seiner vielen Landungen begegnet er Menschen, die Akteure in einer für den Kontinent exemplarischen Situation sind. Was zunächst interventionistisch erscheint wird zu einem wichtigen künstlerischen Mittel, das überraschende Einblicke gewährt. Alle sind Aliens: der amerikanische, evangelikale Pastor, die chinesischen Ölproduzenten und der Filmemacher selbst. Sie treffen lokalen Eliten die auf ausländische Investitionen hoffen. Und auf Sudanesen die unter teils erschreckenden Bedingungen leben. Der Detailreichtum des Films macht neugierig, auch weil der Film zeigt, dass die Fehler der kolonialen Vergangenheit wiederholt werden. Er kommt genau zum richtigen Zeitpunkt, an dem Afrika von der deutschen Außen-und Sicherheitspolitik wieder entdeckt wird. Die „Freiheit“ wird bald nicht mehr nur am Hindukusch verteidigt, sondern auch jenseits der Sahara. Und damit auch der Zugang zu Rohstoffen: „We Come As Friends“.

Ganz schön übel!

Von , 14. Februar 2014 11:30

Die Welt ist ganz schön schlecht! Diesen Eindruck hat mir diese 64. Berlinale wieder umfassend vermittelt. Die Welt brodelt in Umbrüchen. Das Ausmaß an Vergewaltigungen, Morden und Brennen ist schier unerträglich. Noch unerträglicher allerdings wäre es, wenn sich diese grausame Realität nicht im Schaffen der Filmemacher wiederfinden würde. Aber ein bisschen mehr Vision wäre auch ganz schön. Über dem Eingang zum Jugendstilmuseum in meiner Heimatstadt Darmstadt steht ein Satz der mich immer wieder beschäftigt hat: „Seine Welt zeige der Künstler – die niemals war noch jemals sein wird“. Als junger Wilder habe ich ihn als Mahnung des Feudalherrens und Mäzens, Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein, verstanden, sich nicht in das politische Tagesgeschäft einzumischen. Heute, altersmilde, verstehe ich den Satz so wie er in der Aufbruchszeit des Jugendstils wohl auch gemeint war: Wir brauchen Visionen. Mir haben auf der 64.Berlinale die Bilder einer Welt gefehlt, in der ich gerne leben würde. Die vielleicht niemals sein wird. Aber die uns gerade der Film schon mal zeigen könnte. Ganz schön schwierig! Vielleicht finde ich heute noch die Nadel im Filmhaufen. Am Abend küren wir dann den Preisträger 2014! Who the winner is? We will see, oder: Schau’n ‘mer Mal. Hier wird es morgen früh stehen.

Tetra-Pack

Von , 13. Februar 2014 02:59

Gestern habe ich über die tollen Q&A/Nachgespräche auf der Berlinale geschrieben und mir dafür eine, zugegeben, bescheuerte Frage ausgedacht. Dabei hätte ich nur einen Tag warten müssen. Frage aus dem Publikum von „Brides“: „In einer Szene steht ein Tetra-Pack auf dem Tisch. Wollten sie damit den Einfluss Europas auf ihre Kultur thematisieren?“ Antwort der Regisseurin: „Nein“.
Warten sollen hätte ich auch mit meinem Abgesang auf die Berlinale Schlangen (Von roten Teppichen und roten Listen). Es gibt sie noch und sie sind etwas ganz Besonderes. Sie bilden sich ab sechs Uhr morgens vor allen Schaltern hinter denen Tickets zum Verkauf kommen. Besonders lang werden sie in den Potsdamer Arkaden, dem Herz der Berlinale (oder wenigstens ihre Hauptaterie). Gegen sieben Uhr morgens lagen dort schon über fünfzig Cineasten auf der Lauer – als plötzlich Feueralarm ausgelöst wurde. Alle hasteten und flüchteten ins Freie. Es war wohl ein Fehlalarm, denn alle durften nach Kurzem wieder vor die Schalter die das Karten-Glück bedeuten. Und jetzt kommt’s: die Anstehenden sortierten sich wieder in die gleiche Reihenfolge wie vor dem Alarm. So ist es, das Berlinale Publikum. Vielleicht sollten wir ihm den Friedenspreis verleihen?

Drehen in Somalia

Von , 12. Februar 2014 11:01

Filme die auf der Berlinale laufen werden in aller Regel von ihren Regisseuren, Produzenten und den Schauspielern begleitet. Nach den Vorführungen gibt es dann meist ein Gespräch, nach dem Motto „ In einer Szene sieht man kurz ein mit Wurst belegtes Weißbrot, was sollte diese Provokation der Vegetarier?” Diese Gespräche machen viel vom Reiz der Berlinale aus. Und manchmal kommt es zu Überraschungen. Nach „Last Hijack“, einer Dokumentation über somalische Piraten, wurde der Regisseur gefragt: „War das nicht sehr gefährlich, in Somalia zu drehen?“ „Ich war gar nicht dort“, erfuhr das staunende Publikum. Recherchen, Castings, Interviews und sonstige Drehs vor Ort wurden von lokalen Mitarbeitern erledigt. Die schickten das Material täglich mit dem Flugzeug nach Nairobi. Von dort wurde es in die europäischen Büros der Filmemacher überspielt, kommentiert und auf dieser Basis dann in Somalia weitergedreht. Globalisierung auch beim Filmemachen – und vielleicht Anlass für ein neues Label: „100% selbstgedreht“.

Die im Blogbeitrag von gestern genannten Kriterien für einen Friedensfilm wurden auch in der Friedensfilmpreisjury diskutiert. Ein wichtiges Element kam dabei noch dazu. Die Frage, wird „Wissen erweitert?“ oder „bildet der Film?“

Auf der Suche nach dem Friedensfilm!

Von , 11. Februar 2014 02:22

Auf den gestrigen Blog gab es einige Reaktionen – Nein, ich war (noch) nicht in „Nymphomania“  und nein, ich habe nichts gegen Erotik in Spielfilmen. Ich habe nur eine Analogie gesucht um meine Kritik an manchen so genannten, „Anti-Kriegs-Filmen“ zu verdeutlichen. Auf der Suche nach dem Friedensfilm habe ich ein paar Kriterien entwickelt, die für mich einen Friedensfilm ausmachen. Zunächst muss es ein Film nach den Regeln der Kunst sein (oder diese bewusst missachten, s.u. “Kreativität”), d.h., das Thema wird über bewegte Bilder vermittelt und mit Sound kombiniert. Die Geschichte sollte Lösungsorientiert sein. Das ist ein Begriff aus der Mediation. Er besagt, dass nicht das Problem im Mittelpunkt steht, sondern die Ideen zu seiner Überwindung. Das ist ein ganz entscheidender Perspektivwechsel, für den Kreativität gefragt ist. Da Gewalt nur Gegengewalt erzeugt, ist es mir auch wichtig, dass Alternativen zur Gewaltanwendung entwickelt werden – auch hier möglichst kreativ. Kooperation ist grundsätzlich besser als Konfrontation. Nicht zuletzt soll ein Friedensfilm Empathie ermöglichen.

Übrigens, Wowi ist da. Er hat sich den Film über den traditionsreichen Züricher Schwulenclub “Der Kreis” angeschaut.

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