Berlinale 2013 Friedensfilmpreis

Martin Zint, Mitglied der Jury des Friedensfilmpreises 2013, notiert hier seine Erlebnisse auf der 63. Berlinale

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Letzte Klappe ….

Von , 17. Februar 2013 11:31

Die Messe ist gelesen, die Preise sind verteilt, jetzt wird gefeiert – Teddy Award, Abschlussgala, diverse Preisverleihungen, insbesondere unsere vom Friedensfilmpreis. Sie wird von einem treuen Publikum begleitet, das die Arbeit der Jury seinerseits bewertet. Auf seine Reaktion bin ich gespannt. Einigen wird weder das Thema noch seine Umsetzung gefallen. Auf Buh-Rufe bin ich gefasst – dann haben wir einen Nerv getroffen und können in die Debatte einsteigen – was ist ein Friedensfilm? Zuallererst: ein Film – das habe ich hier gelernt. Film erlaubt Perspektivwechsel und gibt Eindrücke in andere Lebenswelten. So kann er zu einer friedlicheren Welt beitragen. Die erreichen wir aber nur durch die Überwindung bestehender Verhältnisse. Das bedeutet Streit, und streiten will gelernt sein. Auch da kann Film helfen.

Abspann: Ich bin begeistert vom großen Interesse. Fast 300 Leute sind diesem Blog gefolgt. Danke auch für die Kommentare. Die Diskussion könnte allerdings noch lebhafter werden.

Ab dem 24.2. bin ich übrigens für eine Woche in Tunesien zu einem Workshop mit Journalisten und Bloggern. Von dort werde ich auch wieder bloggen. Also, schaut in gut einer Woche wieder rein, neues Thema gleicher Autor!

Webseite des Friedensfilmpreises www.friedensfilm.de

… the winner is …

Von , 16. Februar 2013 00:40

Es ist vollbracht, die Nadel im Heuhaufen ist gefunden: Der Film “A World Not Ours” bekommt den mit 5.000 € dotierten Friedensfilmpreis der 63.Berlinal 2013. Es ist einer der wenigen Filme, die von Palästinensern über Palästinenser gedreht wurden

Der dänisch-palästinensische Regisseur Mahdi Fleifel stammt aus dem Flüchtlingslager Ain el-Helweh, einem der ältesten im Süd-Libanon. Sein Vater und er dokumentieren mit der Kamera das Leben der Familie und des Lagers mit liebevollem Blick und Humor – über dreißig Jahre hinweg. Deutlich wird die zermürbende Situation der Menschen ohne Hoffnung und Zukunft im Lager, das zu einer Insel der Isolation wird.

Aus Fleifels Erinnerungen entsteht ein dichtes Bild vom Leben im Niemandsland. Der Film befreit sich völlig von den üblichen Schemata der Einordnung der Konflikte zwischen Israelis und Palästinensern. So wird er zu einem Plädoyer für einen neuen Friedensprozess im Nahen Osten. Immer mehr Menschen leben über längere Zeiträume in den Flüchtlingslagern unserer Erde. Sie hoffen immer noch auf ein Leben in Würde und darauf in ihre Heimat zurückkehren zu können.

Webseite des Friedensfilmpreises www.friedensfilm.de

 

tragende Rollen …

Von , 15. Februar 2013 04:25

Filme gleichen einem Bilderrätsel, die Bilder wollen entschlüsselt sein. Ein riesiger Windpark, aber die Rotoren drehen sich nicht. Soll heißen: Langeweile, Antriebslosigkeit. Das ist zu verstehen. Ein geschlossenes Hoftor von Innen = Gefangen. Auch immer wieder gerne genommen: die Straße, die sich am Horizont verliert. Soll heißen: … und wenn sie nicht gestorben sind … Relativ neu im Programm ist das Rollköfferchen, das hier auf der Berlinale gleich in mehreren Filmen dramaturgische Weihen bekommt (u.a. Marussia, A Batalha de Tabado). Es steht für Heimatlosigkeit und unstetes Leben. Charly Chaplins Tramp verschwände heute sicher nicht mehr ohne Rollköfferchen in der Ferne. Mehr in Martins Metaphernlexikon (in Arbeit, erscheint 2017).

Hoffnungstöne in moll

Von , 14. Februar 2013 00:52

„Trifft ein Wolf im Wald einen Wolf, sagt er: Oh, ein Wolf!“
Trifft ein Mensch im Wald einen Menschen, sagt er: Hilfe, ein Mörder.“ Dieses Bonmot aus dem Produktionsteam des Spielfilms „Endzeit“ von Sebastian Fritzsch beschreibt dessen aggressive Grundstimmung. Eine Megakatastrophe hat die Menschheit und ihre Lebensgrundlage ausgelöscht. Einzelne Menschen irren noch durch die Wälder, immer auf der Hut vor anderen Menschen und wilden Tieren. Um zu überleben müssen sich die Individuen näher kommen und gemeinsame Perspektiven entwickeln, sagt der Regisseur. Aber irgendwie kommt das nicht überzeugend rüber. Die ProtagonistInnen fallen zwar öfter übereinander her, nicht immer in feindlicher Absicht. Von daher müsste man sich über den Fortbestand der Menschheit keine Sorgen machen. Aber diese Hoffnung wird eindeutig von Trauer dominiert. Von fünf mitwirkenden Menschen leben am Schluss noch drei. Zwei davon machen sich auf den Weg in die schneebedeckten Berge (hinter denen die Welt noch in Ordnung sein soll). „Hoffnung kann auch melancholisch sein“, sagt der Regisseur. Hoffnungstöne in Moll, da muss man als Zuschauer erst mal drauf kommen. Ich liebe die Nachgespräche mit den Filmteams.

Übrigens, gestern schrieb ich ja, die Journalisten waren begeistert. Auch wenn wir nicht barbusig auftraten. Noch als wir schon gehen wollten kamen noch Teams aus der ganzen Welt und baten um ein Interview, gerne doch! Das Medienecho war tatsächlich gigantisch. Guckt nur mal hier:
http://www.rbb-online.de/berlinale/rbbonline/fernsehen/berlinale_studio/berlinale_studio_.html

Action bringt Satisfaction!

Von , 13. Februar 2013 03:06

Die Friedensfilmjury wäre keine Friedensfilmjury, wenn die Juroren immer nur wie Maulwürfe im Dunklen säßen. Getreu dem Motto „Nur action bringt satisfaction“, ging es heute ans Tageslicht und die Berlinalegäste wurden ein bisschen aufgemischt. Und das kam so. Regisseur Jafar Panahi hat in seinem Heimatland Iran Berufsverbot und steht unter Hausarrest, ihm drohen 6 Jahre Gefängnis. Dazu wurde er bereits verurteilt, aber noch bleibt er von der Haft verschont. Diese Situation, seine Ängste, aber auch seine Hoffnungen, hat er in einen heimlich gedrehten Film verarbeitet, Pardé – closed curtain. Der hatte heute hier Premiere. Ohne Jafar Panahi. Deshalb haben wir ihn gleich dreimal in Lebensgröße abgebildet und stehen mit diesen Pappkameraden den Premierengästen im Weg, halten ihnen Schilder unter die Nase: „Er sollte hier sein!“. Die Begeisterung der Journalisten und Kameraleute über unsere Aktion kennt kaum Grenzen. Die Zahl der Interviews ist schnell 2-stellig. Möge es Panahi und den vielen verfolgten Kulturschaffenden helfen.

Webseite des Friedensfilmpreises www.friedensfilm.de

 

Ernste Sache, das!

Von , 12. Februar 2013 03:26

Wer ein Inventar der bedeutenden Probleme der Gegenwart erstellen möchte, der wird im Katalog der Berlinale fündig. Kaum ein Konflikt ist ausgelassen. Die Grundstimmung ist Ernst. Heute, zur Halbzeit im 10. Film habe ich erstmals schallend gelacht. Politisch leider nicht ganz korrekt. Aber wenn eine Gruppe einwanderungswilliger AsiatInnen im Deutschunterricht gemeinsam aus ihrer Fibel vorliest: „Ich heiße Björn und komme aus Norwegen“ ist das umwerfend komisch. Leider, ohne Deutschkenntnisse kein Visum. Und ohne Visum bleibt die Liebe platonisch (‚727 Tage ohne Karamo/Forum‘). Dieser Film gehört in die Gattung die ich „inszenierte Dokumentation“ nenne. Sie ist eine enge Verwandte vom „Reenactment“. Dieser neudeutsche Begriff bezeichnet das Nachstellen von Situationen wie sie vielleicht gewesen sein könnten durch Schauspieler Die Autoren überlassen nichts dem Zufall. Das macht schöne Filme und gute Laune, auch bei üblen Themen. Manche Themen lassen sich überhaupt nur so ertragen – der Israel Palästina Konflikt zum Beispiel. „A world not ours/Panorama“ erzählt eine tieftragische Geschichte aus einem palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon mit humorvoller Leichtigkeit.

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