Sinani

Den Kreislauf der Gewalt in Kwa-Zulu Natal durchbrechen

Die Menschen in KwaZulu-Natal in Südafrika haben während der Apartheid ein hohes Maß an struktureller und physischer Gewalt erlebt. Mit dem Ende der Apartheid ist die Gewalt nicht verschwunden, sondern im Gegenteil weiter eskaliert.
Die soziale und wirtschaftliche Situation ist noch immer dramatisch schlecht. Das und nicht gehaltene (Wahl)Versprechen der politischen Parteien führen weit verbreitet zu dem Gefühl bei den Menschen, dass sie auch nach Ende der Apartheid nicht gehört werden. Der sich daraus speisende Frust zieht eine hohe Gewaltbereitschaft nach sich. Sie wurde in der Vergangenheit von unterschiedlichen Parteien und Fraktionen innerhalb von Parteien immer wieder in politischen Auseinandersetzungen instrumentalisiert. Regelmäßig kam es besonders im Vorfeld von Wahlen zu massiven, teils Bürgerkriegsähnlichen Gewaltausbrüchen.

Der WFD-Partner Sinani (“Wir sind mit Euch”) versucht seit 1994, den tödlichen Kreislauf der Gewalt in KwaZulu-Natal zu durchbrechen. Dies gelang inzwischen durch die behutsame Arbeit mit kleinen Gemeindeorganisationen, lokalen Friedensforen und traditionellen Führern wie gewählten Politikern. In den letzten Jahren fand Sinani sogar zunehmend auf Regierungsebene Gehör. Der Erfolg wurde sichtbar durch mehrere große Versöhnungszeremonien und die erstmals friedlich verlaufenen Kommunalwahlen 2011.
Doch noch immer haben die Menschen in KwaZulu-Natal mit den strukturellen Ursachen der Gewalt zu kämpfen genauso wie mit ihren Folgen. Das sind ein starke soziale Zersplitterung – weit verbreitete Armut und extrem hohe HIV/Aids-Raten, ein hoher Grad an Passivität, Frustration, dazu mangelnde Demokratieerahrung der politischen Führer, schlechte Regierungsführung, ein hohes Maß an Kriminalität sowie schwach entwickelte zivilgesellschaftliche Strukturen. Sie bergen zusammen noch immer ein hohe Gewaltpotential.
Nach dem Ende der offenen Gewalt, wendet sich Sinani der Bekämpfung ihrer Ursachen zu. Der WFD begleitet seinen langjährigen Partner auf diesem Weg.

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Jubas Reise

Von , 17. Dezember 2014 09:46

 Juba bedeutet „Taube“ in der Sprache ihres Volkes, der Zulu. Sie wurde so genannt, weil sie als Säugling gurrte wie eine Taube. Eigentlich heißt sie Khetokule Khuzwayo.
Juba wuchs in der Nähe von Durban auf. Wie fast alle Städte und Dörfer in KwaZulu-Natal war auch ihre Gemeinde damals in der Mitte zerrissen. Auf der einen Seite standen die Anhänger der konservativen Inkatha Freedom Party (IFP). Sie traten für ein unabhängiges traditionelles Zulu-Königreich ein und arrangierten sich dafür auch mit dem Apartheidsregime. Auf der anderen Seite strebte der African National Congress (ANC) ein vereintes, demokratisches und nicht-rassistisches Südafrika an.
Beide Parteien errichteten in der ganzen Provinz verbotene Zonen für die Anhänger der jeweils anderen Partei. Die Grenze zwischen diesen Zonen, oft markiert durch eine Straße, schnitt sich tief in den Alltag der Menschen. Busfahrer, die eine solche Straße überquerten, riskierten ihr Leben und das der Fahrgäste. Auf der anderen Seite der Straße zu arbeiten, dort einen Menschen zu lieben, oder nach Einbruch der Dunkelheit nach einer Geburtstagsparty in der Nähe vorbeizukommen, konnte den Tod bedeuten.

Juba lebte mit ihrer Familie an einer dieser Straßen. „Gewalt stand auf der Tagesordnung. Ich musste es immer wieder mit ansehen und wurde auch  selbst Opfer“,  erinnert sie sich. „Einen Abend in den frühen 80er Jahren werde ich nie vergessen: Mit  meinen Großeltern saß ich beim Essen, als es draußen laut wurde. ANC- und Inkatha-Anhänger gingen ganz in der Nähe aufeinander los. Die Kämpfe wurden  immer lauter, und plötzlich brachen Männer in unser Haus ein. Sie waren aufgebracht, drohten uns mit ihren Waffen und schrien, sie würden uns alle umbringen. Ich hatte Angst! Aber wir kamen mit dem Leben davon.“
Jubas Erlebnis war kein Einzelfall. Sogenannte Bürgerwehren, oft gebildet durch Jugendbanden, verteidigten ihre Zonen und griffen über die Straße hinweg die der anderen Partei an. Sie zogen bis an die Zähne bewaffnet, mit traditionellen Speeren und Keulen der Zulu-Krieger und Schusswaffen  durch Wohngegenden, brachen in Häuser ein, verprügelten die Einwohner und zwangen Menschen, sich zur „richtigen“ Seite zu bekennen. Um das zu beweisen, mussten sie  die entsprechenden Partei-Lieder vorsingen. Diejenigen, die sich nicht fügten, konnten von Glück reden, wenn nur ihre Häuser niedergebrannt wurden und sie flüchten konnten. Neutralität war unmöglich. Sie bedeutete in der Logik der Kämpfer, auf der Seite des Feindes zu stehen. Tausende Menschen verloren ihr Leben, Hunderttausende wurden vertrieben.
„Ich war damals sehr jung und vielleicht auch ein wenig naiv, was soziale Gerechtigkeit und Menschenwürde betrifft. Aber irgendwie wusste ich, dass Südafrika nur dann eine Zukunft hat, wenn die Menschen hier ihre Denkweise ändern.“

Der Bürgerkrieg hielt die Provinz weiter im Würgegriff und ließ auch Juba nicht los: Als Studentin der Psychologie machte sie  1999 ein Praktikum bei Sinani. Sinani ist ein Zulu-Wort und bedeutet übersetzt: „Wir sind mit Euch“. „Das, was ich schon lange im Gespür hatte, wurde damals zur Gewissheit. Sinani war Vorreiter in der professionellen Arbeit mit Gewaltopfern, ehemaligen Kämpfern und verschiedenen politischen Parteien. Und hier konnte ich es erleben: Die Menschen, mit denen Sinani arbeitete, änderten wirklich ihre Denkweise!  Plötzlich konnte ich die Zukunft unseres Landes sehen.“

Nach dem Praktikum setzte Juba zunächst ihr Studium fort. Zwei Jahre später trat der Polizeipräfekt von Umbumbulu, einer von massiven Kämpfen betroffenen Gemeinde, auf Sinani zu. Er bat die MitarbeiterInnen, mit traditionellen Führern, den Amakhosi, zu arbeiten, um endlich den Kreislauf der politischen Gewalt zu durchbrechen. Diesem Kampf waren  bereits 3000 Menschen zum Opfer gefallen. Die Sinani-MitarbeiterInnen erinnerten sich an ihre ehemalige Praktikantin Juba und boten ihr eine Stelle an. Möglich wurde dies, weil der Weltfriedensdienst im selben Jahr begann, die Friedensarbeit von Sinani zu fördern. Das war ein Wink des Schicksals, Juba zögerte keine Sekunde.

Die Straßen, die die Grenze zwischen den Kriegsparteien bildeten, waren seit Jahren nur überquert worden, um Gewalt auf der jeweils anderen Seite auszuüben. Jetzt liefen  die Sinani-MitarbeiterInnen über diese Straßen und betraten – für alle sichtbar – an einem Tag die Zone links und am nächsten Tag die Zone rechts der Straße, um mit den Kriegsparteien über Frieden zu sprechen. Ein unerhörter Vorgang! Es dauerte lange, bis die zutiefst misstrauischen und verfeindeten Amakhosi bereit waren, mit Sinani zusammenzuarbeiten.

„Da war viel Hass, tiefer Hass. Angenommen, jemand hat sein Haus abbrennen sehen, und er hat es gerade noch geschafft zu fliehen. Er hat die Täter gesehen. Der wollte natürlich keine Versöhnung!“ Mit Besuchen und langen Einzelgesprächen unter strenger Beachtung der Protokollvorschriften gelang es schließlich, Vertrauen und die Bereitschaft zum Dialog zwischen den traditionellen Führern beider Seiten zu schaffen. Mit der Zeit beteiligten sich auch Parteiführer und Regierungsvertreter.

Es sollte noch zwei Jahre dauern, bis die Zeremonie tatsächlich durchgeführt werden konnte. Vorher mussten noch viele Hürden überschritten werden: Das Misstrauen zwischen Gemeinden und Familien war groß, und auch die Angst, dass der Frieden nicht hält. Dass es am Ende dann doch gelang, ist das Ergebnis schier endloser Geduld.
Am 11. März 2007 schließlich strömten dann fast 10.000 Menschen aus den ehemals verfeindeten Gemeinden von Umbumbulu zur großen öffentlichen Versöhnungsfeier zusammen. „So eine große Reinigungszeremonie, gemeinsam mit allen Amakhosi, dem König und der Regierung, so etwas hatte es hier noch nie gegeben. Die Menschen empfanden es als Wiedergeburt der Gemeinden. Die eigentliche Friedens- und Versöhnungsarbeit haben sie jedoch in den Jahren davor in vielen kleinen Schritten geleistet.“

Die Straßen in Umbumbulu sind heute ganz normale Straßen. Die Taxibusse fahren wieder zwischen den ehemals verfeindeten Gemeinden. Die Menschen können sich ohne Angst besuchen, auch wenn sie auf der anderen Straßenseite wohnen.

Jetzt, wo der Frieden erreicht  ist, wird der Blick auf die dahinter liegenden Probleme frei. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft weit auseinander. Extreme Armut, Kriminalität und die höchste HIV/Aids-Rate im Land beherrschen das Leben der Menschen. Die ehemals offene Gewalt hat sich nun – besser verborgen – in die Familien verlagert. Es liegt noch ein weiter und steiniger Weg vor Sinani.

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Und was kriegen sie?

Von , 20. September 2013 10:47

von ULRICH LADURNER (erschienen in der ZEIT vom 12.09.2013)

Gewalttätig und kriminell – junge Schwarze haben einen schlechten Ruf in Südafrika. Nach dem Ende der Apartheid hat das Land ihnen viel versprochen, aber wenig geboten. Weiterlesen >>

Spannende Begegnungen in Ungarn

Von , 9. Januar 2013 12:36

von SARAH WIBBELER, MA Anglistik, Romanistik und Politikwissenschaft, war Praktikantin bei Global Generation (veröffentlicht im Querbrief #4/2012)
„Unglaublich! Du bist der erste Schwarze, den ich hier in Ungarn treffe!“ So der begeisterte Ausruf eines etwa 20-jährigen Mannes auf dem Marktplatz in Bodajk als er Simanga Sithebe sieht. Der war im Rahmen des WFD-Projektes GLOBAL GENERATION dorthin gereist. Das 60 km südwestlich von Budapest gelegene Dörfchen war Schauplatz eines Süd-Nord-Austausches von Global Generation und Simanga Sithebe, Leiter der südafrikanischen Partnerorganisation SINANI, bereicherte den ungarischen Workshop um die südafrikanische Perspektive.

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Leben nach der Apartheid

Von , 21. Dezember 2011 16:22

Juba Khuzwayo, Simanga Sithebe und Mdu Molefe von Sinani schildern ihre Erfahrungen

Wie sehen Sie das heutige Südafrika, fast 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid?

Molefe: Es gibt großen Fortschritt in vielen Bereichen. Apartheid und soziale Ungleichheit waren in diesem Land durch die alte Gesetzgebung tief verwurzelt. Diese wurde an den Wandel angepasst. Wir haben heute neue Gesetze. Außerdem gibt es politische Maßnahmen zur Gleichstellung am Arbeitsmarkt. Diejenigen, die früher benachteiligt wurden, haben jetzt mehr Möglichkeiten. Trotzdem haben all diese Gesetze keinen Effekt, wenn große Teile der Bevölkerung nicht für den Arbeitsmarkt ausgebildet sind. Bildungsmöglichkeiten auch in ärmeren Gemeinden müssen angegangen werden, wenn wir tatsächlich Gleichheit schaffen möchten. Denn bis jetzt gilt noch immer: Wer Geld hat, kann seine Kinder auf bessere Schulen schicken. Darum werden diejenigen, die keinen Zugang zu hochwertiger Bildung haben, immer nur in der zweiten Reihe stehen. So können die Gesetze nicht greifen.
Aber insgesamt hat sich das Land stark zum Guten gewendet, gerade was unsere Verfassung und unser Rechtssystem angeht. Wir verfügen über Institutionen, die es uns ermöglichen, Streitfragen vor Gericht zu bringen und die Regierung anzuprangern. Das hilft, Unabhängigkeit zu bewahren.

Sithebe: Aus sozialer Perspektive sind wir viel integrierter als vorher und es herrscht ein breites Spektrum soziokultureller Interaktion. Wir haben nun die Möglichkeit, uns auszudrücken. Wir haben Bewegungsfreiheit und können an Orte ziehen, die anders sind, als das, was wir davor gewohnt waren.

Khuzwayo: Es gibt viele gute Ansätze in der Politik, um Menschen den Umgang mit sozialen Herausforderungen zu erleichtern. Beispiele sind die Maßnahmen zur Armutsbekämpfung und das Sozialhilfesystem, von denen die Menschen direkt etwas haben. Außerdem werden interessante und kreative Gesetze eingeführt, so wie die Regelung, dass Krankenhäuser und Gefängnisse ihre Einkäufe bei lokalen Gemeindeorganisationen ausführen müssen.

Was trägt Sinani zur Gestaltung des Wandels bei?

Molefe: Sinani ermöglicht es den Menschen, mit der Regierung zusammen den sozialen Wandel zu gestalten, indem sie die Regierung auf die Bedürfnisse der Bevölkerung aufmerksam macht. An unserer jährlichen Generalversammlung laden wir normalerweise immer einen Regierungsvertreter ein, um sich mit unseren Mitgliedern auszutauschen.

Sithebe: Was ich sehr an unserer Organisation schätze, ist dass einige Mitarbeiter in der Führung von Sinani sehr gut zuhören können und sich in ihrer Meinungsäußerung zurücknehmen. Man kann einfach keine gute Gemeinschaftsordnung schaffen, ohne in die zwischenmenschlichen Beziehungen zu investieren und ohne den Menschen einen Ort zu bieten, wo sie sich näher kommen und in Gespräche treten können. Sinani führt Menschen zusammen, die sich davor gegenseitig den Tod wünschten. Jetzt legen wir ihnen ans Herz, zu verstehen, was für eine neue Gesellschaft nötig ist: der Aufbau von Beziehungen, die Zeit füreinander und eben die Fähigkeit, einander zuzuhören.

Khuzwayo: Wir verbinden Menschen. Sinani hilft, Kontakte zu Ressourcen zu verschaffen. Diese Art von Netzwerkarbeit hat großen Erfolg.

Was war für Sie persönlich das Schlimmste an der Apartheid?

Molefe: Für mich war das Schlimmste, dass die Menschenrechte mit Füßen getreten und den Menschen ihre Würde genommen wurde. Aber das Allerschlimmste war die Ermordung von wehrlosen Menschen: Menschen, die mit Steinen gegen Schwerbewaffnete antraten. Wir leben noch immer mit der Hinterlassenschaft der Apartheid. Unsere Gesellschaft hat sich noch nicht versöhnt.

Noch immer gibt es Personen, die sich das alte System zurückwünschen. Sie betrachten die ungleiche Gesellschaft als gottgegeben – eine Rasse sei der anderen nun mal überlegen. Es scheint, dass die Bemühungen um Versöhnung nur von einer Seite kommen, der Seite der damals Unterdrückten.

Sithebe: Stellen Sie sich vor, Sie belagern das Haus von jemandem, Sie wünschen die Kontrolle über diese Person und dass diese Ihnen den Haushalt führt – genau das ist es, was die Apartheid gemacht hat. Der „Hausneger“ steht seinem Herren so nahe, dass er, selbst wenn er könnte, nicht wegrennen würde. Er denkt, dass das, was ihm schadet, ok für ihn ist. Das ist traurig.

Khuzwayo: Die Apartheid zerstörte das Denken der Menschen. Sie kontrollierte ihre Bewegungen und Grundrechte und beeinträchtige ihr Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl.

Was ist für Sie das größte Geschenk der Nachapartheidszeit? Etwas, dass für Sie nicht selbstverständlich ist.

Molefe: Das Recht auf freie Meinungsäußerung, ohne dass man sich umschauen müsste, wer einen gleich einsperrt oder sogar umbringt. Man kann jetzt sagen, was man für richtig oder falsch hält. Während der Apartheid war das ein Verbrechen, das mit dem Tod bestraft wurde.

Sithebe: Manchmal belebt sich der Schrecken der rassistisch motivierten Morde wieder. Aber wir haben nun die Möglichkeit, miteinander zu sprechen und zu verstehen, woher der andere kommt. Das Recht, aufgebracht zu sein, hat jeder, aber dennoch müssen wir weitergehen. Wir haben jetzt den Raum, uns auszusprechen.

Khuzwayo: Wir haben eine wundervolle Verfassung! Wenn Dinge angeprangert werden, berufen sich die Leute tatsächlich auf die Verfassung. Sie benutzen sie um zu sagen: Dafür haben wir gekämpft und deshalb ist dies und jenes nicht akzeptabel!

JUBA KHUZWAYO ist seit über 10 Jahren bei Sinani im Arbeitsbereich Konfliktbearbeitung tätig und arbeitet derzeit an ihrem PhD. Ihre politischen und religiösen Einstellungen lebt sie mit viel Engagement in sozialen Aktivitäten aus.
MDUDUZI MOLEFE ist Direktor von Sinani, der früh seine Bildung für den Kampf für die Freiheit opferte. Nach dem Ende der Apartheid holte er diese nach und erwirbt jetzt seinen Mastertitel.
SIMANGA SITHEBE, zuständig für Planung, Monitoring und Evaluation. Sein Anliegen ist es, den Menschen zu vermitteln, dass sie stolz darauf sein können, wer sie sind. Brücken zwischen verschiedenen Gruppen zu bauen, erscheint ihm fundamental.

Übersetzung aus dem Englischen: Elisabeth Jeglitzka

Bei allem Respekt! Ein Workshop in Ungarn zu gesellschaftlichen Umbrüchen

Von , 21. Dezember 2011 10:51

Auch im zweiten Projektjahr von Global Generation fanden intensive Workshops mit Hilfe unserer Partnerorganisationen statt. Hier ein Artikel über einen sehr bewegenden Workshop  in Ungarn.

Bei allem Respekt!  Ein Workshop in Ungarn zu gesellschaftlichen Umbrüchen

Mittwoch, 21. Dezember 2011

Wera Tritschler

Auch in Österreich und Ungarn organisiert Global Generation Workshops zum Globalen Lernen für Menschen ab 50 Jahren. Die Moderation eines Workshops übernimmt eine Trainerin von SINANI – unserer Partnerorganisation in Südafrika. Im September 2011 moderierte Berenice Meintjes ein bewegendes Treffen in Ungarn.

In einer Gaststätte am Rande der kleinen, aber alten und traditionsbewussten Königsstadt Szekesférhervar warteten 35 Teilnehmer, alle mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen zu Südafrika im Kopf. Schnell fiel die Heterogenität der Gruppe auf: Einige Frauen saßen abseits und für sich. Sie widmeten ihre ganze Aufmerksamkeit dem Essen, dessen Reste sie für die Daheimgebliebenen einpackten. Es waren Roma, die von unserer ungarischen Partnerorganisation zu dem Workshop eingeladen wurden. Sie fühlten sich sichtlich unwohl. Berenice Meintjes erkannte auch gleich warum: Andere Teilnehmer erklärten mit Blick auf die Roma: „Sie sind wie die Afrikaner, vermehren sich wie die Kaninchen und bevölkern unsere Städte.“ Berenice überhörte einfach diese und weitere rassistische Äußerungen und sprach über Apartheid in Südafrika und ihre Überwindung. Sie stellte die Arbeit von SINANI für ein friedliches Zusammenleben in Kwa Zulu Natal vor und welche besondere Rolle der gegenseitige Respekt dabei spielt.

Die TeilnehmerInnen waren eingeladen, dies mit der Geschichte des sozialen Wandels in Ungarn zu vergleichen. Spätestens aber, als es um die eigene Rolle zur Heilung und Versöhnung ging und um ein besseres Miteinander – spätestens da wurden die bisherigen Vielredner der Runde leiser. Sie begannen zuzuhören. Die leise und bejahende Art von Berenice, ihr intensives Zuhören, schuf ein Klima der Aufmerksamkeit und Nähe. Ohne dass darüber gesprochen wurde, kamen die Roma von außerhalb in den Stuhlkreis hinein. Als es um Respekt als Voraussetzung für ein friedliches Miteinander ging, waren sie diejenigen, die zu erzählen begannen: Die Geschichten ihrer Kindheit, ihres Zurückgewiesen- Werdens und Sich- Kleinfühlens nahm den Atem und berührte alle. Die TeilnehmerInnen haben sicher viel über Südafrika gelernt. Aber was eigentlich passiert ist auf dem Workshop, das Zusammenrücken zweier Gruppen in ihrem Heimatland Ungarn, ist noch viel wertvoller.

Das ist allein Berenices Verdienst. In nur zwei Tagen ist es ihr gelungen, gegenseitigen Respekt zu schaffen. Ihre jahrelange Erfahrung in der Arbeit unter schwierigsten Bedingungen und das Selbstverständnis von SINANI als Lernende trägt dazu bei. Auch wir wünschen uns noch viele Gelegenheiten, von unseren südafrikanischen Partnern lernen zu können.

WERA TRITSCHLER ist Koordinatorin von Global Generation.

Veröffentlicht in Querbrief 4/2011 -Umbrüche

“Schnee liegt auch auf dem Kilimantscharo” 2/2

Von , 16. Dezember 2010 17:42

Ein Global Generation Workshop in Ungarn

Ringsherum erstrecken sich Felder ins Unendliche. Mittendrin wartet ein Betonklotz – ein neu hochgezogenes Hotel mit Therme – auf seine Gäste. Im Restaurant hängen Ölgemälde mit Elefanten, die Tische sind im kitschigsten Ethnolook dekoriert. „Hier soll der Workshop stattfinden?“ flüstert Denver Naidoo, der südafrikanische Trainer, etwas verzagt. Der Raum ist dunkel, viel zu klein. Von Tagungstechnik ist nichts zu sehen. Doch für Verzweiflung bleibt keine Zeit, die Teilnehmerinnen treffen ein: 20 Frauen, Angehörige der Volksgruppe der Roma, hatten sich für Stunden in einen Kleinbus gequetscht um am Workshop teilzunehmen. Auch fünf Nicht-Roma – oder soll man sagen: Ungarn – treffen ein.

Der düstere Raum wird plötzlich bunt. Tische werden zur Seite geschoben, er belebt sich, wird ergriffen. Schon eine Viertelstunde vor Beginn sitzen alle und warten gespannt darauf, was Denver ihnen aus Südafrika erzählen wird. Voller Spannung, wie in einem Krimi, lauschen die Teilnehmer der Geschichte der Apartheid. Mit Freude wird ihrer Überwindung beigewohnt und atemlos den Konflikten und den Schwierigkeiten der traumatisierten Menschen des jungen Südafrikas nachgefühlt. Die Romafrauen selbst gestalten den Workshop durch Lieder, Spiele und Massagen.

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