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WFD schreibt an Kanzlerin Merkel

Von Weltfriedensdienst e.V., 11. Januar 2010 17:27

Das gewaltsame Vorgehen der israelischen Armee gegen die Teilnehmer und Organisatoren der gewaltfreien Freitagsdemonstrationen in Bil’in/Palästinensische Gebiete hatte im April 2009 einen Toten, zahlreiche Verletzte und seit Juni 2009 – während nächtlicher Razzien – 31 Festnahmen von Bewohnern von Bil’in zur Folge. Am 12. Dezember 2009 wurde der Vertreter des Bürgerkomitees, Abdallah Abu Ramah, bei einer nächtlichen Durchsuchung seines Hauses in Ramallah zum wiederholten Mal festgenommen. Der Verlauf der Grenzanlage im Bereich von Bil’in wurde in mehreren Entscheidungen des Obersten Gerichtshof Israels für unrechtmäßig erklärt, ohne dass dies bisher praktische Konsequenzen gehabt hätte.

Der Vorstand des WFD hat die Bundeskanzlerin in einem Brief gebeten, bei Ihren israelischen Gesprächspartnern darauf zu dringen, das willkürliche und gewaltsame Vorgehen der israelischen Armee in dem palästinensischen Dorf Bil’in einzustellen, festgenommene gewaltfreie palästinensische Demonstranten dieses Dorfes zu entlassen und die Entscheidung des Obersten Gerichtshof Israels zu respektieren, das die Enteignung von 60% des Landes von Bil’in für unrechtmäßig erklärte.

Frau Merkel habe in den letzten Monaten mehrfach betont, dass das Existenzrecht Israels zur deutschen Staatsräson gehöre und Deutschland gegenüber Israel eine besondere Verantwortung habe. Nach Auffassung des Vorstand des WFD müsse diese deutsche Solidarität und Verantwortung dem Staat Israel gegenüber glaubwürdig verbunden sein mit dem Eintreten für die Rechte der palästinensischen Bevölkerung in den von Israel besetzten Gebieten, wozu auch das Dorf Bil’in gehöre.

Hintergrund:
Seit 2005 organisiert das Bürgerkomitee von Bil’in jeden Freitag gewaltfreie Protestdemonstrationen gegen die israelische Grenzziehung auf ihrem Land und die damit verbundene Enteignung von ca. 60% der Gemarkung von Bil’in. Das Komitee wird dabei von zahlreichen israelischen und internationalen Friedensaktivisten unterstützt. Die Aktivitäten der israelischen Sicherheitskräfte in den letzten Monaten verfolgen nach Aussagen eines israelischen Militärvertreters das Ziel, diese Protestaktionen zu beenden. Es legt sich daher der Verdacht nahe, dass dies auch in der internationalen Aufmerksamkeit begründet ist, die die Proteste in Bil’in mittlerweile gefunden haben. Eine Liste der Ereignisse ist auf der Homepage des Bürgerkomitees von Bil’in zusammen gestellt (http://www.bilin-village.org/english/discover-bilin/).

Der WFD ist seit 1968 über eine von ihm initiierte Frauenkooperative mit dem Dorf Bil’in verbunden und verfolgt die Entwicklungen in Israel und Palästina seit nunmehr über 40 Jahren. Das Projekt des WFD in den besetzten palästinensischen Gebieten war in der Anfangszeit geplant als Einsatz eines deutschen Friedensdienstes auf palästinensischer Seite parallel zur Arbeit der Schwesterorganisation Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste in Israel. Dieser Ansatz, der die Interessen beider Völker in Israel/Palästina und den Anteil der deutschen Geschichte (Antisemitismus, Holocaust) an diesem Konflikt berücksichtigt, gehört nach wie vor zum Selbstverständnis des WFD. Darüber hinaus ist der WFD weltweit in Projekten (u.a. des Zivilen Friedensdienstes) engagiert, die einen gerechten Interessenausgleich und Versöhnung von Konfliktparteien zum Ziel haben. Diesen Zielen fühlt sich der WFD auch in Bezug auf den Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis verpflichtet.

Rückfragen an:
Martin Zint, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Weltfriedensdienst e.V. 030 25399018, zint@wfd.de

Mauer in Palästina

Von Helge, 9. November 2009 17:02

express yourself

Von Helge, 30. Oktober 2009 01:49

Nach einer weiteren viel zu kurzen Nacht, klebrigen Marmeladenstullen und Tee im Hotel und der rettenden Tasse Milchkaffee bei Uli und R. fuehrt uns der Weg nach Bethlehem. Weil der Haupteingang heute fuer juedische Glaeubige reserviert ist, die zu tausenden zu Rahels Grab pilgern, geht es fuer uns einmal um die Stadt herum. Wir bestehen den Schlomo oder Ahmed-Test der Soldaten mal wieder auf den ersten Blick und werden durchgewunken.

gtcIn Bethlehem sind wir, um GTC persoenlich kennen zu lernen. Der Weltfriedensdienst will die Arbeit des  Guidance and Training Center ab dem naechsten Jahr personell und finanziell unterstuetzen. Der gemeinsame Projektantrag liegt zur Bewilligung beim BMZ. Der Direktor des Projekts Victor, stellt uns bei Keksen und Tee die umfangreichen Aktivitaeten des Centers vor. Es geht um die Behandlung psychischer Schaeden, die unter derart schrecklichen Bedingungen, einer politisch, sozial und oekonomisch schwierigen Situation wie in Palestina, besonders haeufig sind.
Das Thema wird weitgehend tabuisiert, Menschen mit Schwierigkeiten schnell stigmatisiert, erklaert Victor. Daher kombinieren sie ihre Arbeit mit einer Aufklaerungskampagne, bieten den Menschen sowohl Unterstuetzung bei Schizophrenie und Depressionen als auch in der Bewaeltigung von Familienproblemen und sexueller Aufklaerung. Weit spannt sich der Bogen aus Aktivitaeten bis hin zu den ambitionierten Vorhaben eine  arabisch-sprachige Fachbibliothek aufzubauen und moeglichst viele Akteure und Institutionen, wie Schulen, Universitaeten, das Gesundheits- und Bildungsministerium und palestinensische wie internationale Nichtregierungsorganisationen miteinander zu vernetzen.

Die Leute von GTC betrachten die Arbeit als Einsatz fuer ihre Leute und ihre Gemeinschaft. “Das ist mein Platz”, sagt Viktor, “hier kann ich am Ende des Tages sagen, etwas wichtiges getan zu haben fuer die Gemeinschaft. Diese Arbeit stellt mich zufrieden.” Besonders lohnend sei die Arbeit mit Kindern. Wenn sie sich im Verlauf der Therapie oeffnen, beginnen, Gefuehle zu zeigen, Froehlichkeit oder einfach nur laecheln, wird ihm immer wieder klar, dies ist der richtige Platz. Wir fuehlen uns auch am richtigen Platz, jetzt ist das BMZ dran.

al-madaWeiter geht es nach Ramallah. Wir treffen Reema, Riham und Odeh von unserer Partnerorganisation Al-Mada. Zusammen bauen WFD und Al-Mada ein Musiktherapie-Zentrum auf. Tomeh ist Direktor, technischer Berater fuer die Musiktherapie, Komponist und Musiker. Er nimmt sich Zeit fuer das Interview, erklaert mir die technischen Aspekte des Programms und die Idee der Musiktherapie:
Wenn Menschen nicht die Moeglichkeit bekommen, ihre Gefuehle auszudruecken, gezwungen werden, oder sich gezwungen fuehlen, sie in sich einzusperren, nehmen sie Schaden. Das betrifft den Geist, den Koerper, ihre Lebensqualitaet. In der palestinaensischen Gesellschaft, so Odeh, seien die Moeglichkeiten seinen Gefuehlen Ausdruck zu verleihen sehr gering, die aeusseren Gegebenheiten besonders frustrierend und deprimierend. Insbesondere gaelte das fuer Kinder und Jugendliche. Hier greift die Arbeit des Musiktheraphie-Zentrums, an Schulen und mit verschiedenen Ziel- und Altersgruppen in Ramallah. Musik hat die Faehigkeit, in Menschen etwas zu bewegen, Stress zu loesen, Gefuehle auszudruecken und dabei vor allem Freude. In der Therapie lernen die Menschen so Abstand zu nehmen von ihrem Alltag, ihre Gefuehle, sich als Ganzes und ihr Leben wertzuschaetzen.

Nachdem ich das Aufnahmegeraet ausgeschaltet habe, philosphieren wir noch eine gute Stunde, ueber die Wahrnehmung des eigenen Ichs, die Hindernisse, die wir uns in den Weg legen und legen lassen, wir selbst zu sein. Der Moment sei am Wichtigsten, sagt Odeh, die Gegenwart und nicht die Hyphothek irgendeiner Vergangenheit, die wir nicht beeinflussen koennen, oder der Zukunft, die nicht gewiss ist. Wenn wir in der Gegenwart nicht wir selbst sind, werden wir auch in der Zukunft nicht zufrieden sein koennen. Was wir jetzt machen ist wichtig. Mir geht Ghandi durch den Kopf:

“Es gibt keinen Weg zum Frieden, der Friede ist der Weg!”

Shalom!  Aleikum Salaam!

Stein, Staub und Stacheldraht

Von Helge, 26. Oktober 2009 02:39

blueskySteinquader fuegen sich zu historischen Mauern und modernen Wohnbloecken, Beton ist zu Hauswaenden und Mauern gegossen. Asphaltstrassen schlaengeln sich zwischen Huegeln aus Fels und Geroell. Auf ihnen tronen festungsartig die Siedlungen. Dieses Land scheint nur aus Stein, Beton, Asphalt und Staub zu bestehen… und Stacheldraht.

Morgens warten wir auf Uli und S. in der Altstadt von Jerusalem. Sie arbeiten als Kooperanten des WFD mit Partnern in den besetzten Gebieten. Nach einem kurzem  aber herzlichen Hallo, serviert uns S.  die erste von vielen Geschichten ueber das Leben hier. Auf dem Weg nach Jerusalem hatte sie einen Checkpoint passieren muessen. Zwei jugendliche israelischen Soldaten machten sich ein Vergnuegen daraus, sie aus der Reihe zu ziehen und durcheinander schreiend mit Fragen zu bombadieren: “Where you from?” “Where you live?” “Where you work?” “Where you live?” “I don’t understand!” “Where you live?” Der taegliche Wahnsinn. Ein anderes mal war das Auto, in dem sie sass, von einer Soldatin durch die Kontrolle gewunken worden, nur um dann die Durchfahrsperre gut getimt zu aktivieren und so das Bodenblech abzureissen. Irgendwie musste ich an die aus Langeweile geborenen Streiche eines Schulfreundes waehrend seines Zivildienstes als Hausmeister in einer Berufsschule denken. Nur tragen die Halbstarken  hier Sturmgewehre.

Wir wollen nach Ramallah, um langjaehrige Kooperationspartner des WFD zu besuchen. An dem Checkpoint war Uli vergangenes Jahr zwischen die Fronten palestinensischer Jugendlicher aus einem nahe gelegenen Fluechtlingslager und israelischer Soldaten geraten. Ueber das Auto flogen Steine hinweg, hinter ihr krachten die ersten Schuesse. Wir kommen unbehelligt hindurch.

Nach einem Tee im Laden “unserer” Frauenkooperative fahren wir mit Hattas weiter nach Kufername. Vor dem Haus spielen zahllose Kinder auf einem teilweise mit WFD-Spendenmitteln finanzierten Spielplatz. Nach anfaenglicher Scheu siegt die Neugier, als ich ihnen anbiete sich die eben geschossenen Fotos im Display anzuschauen. Im zweiten Stock des Hauses der Kooperative stauben die Naehmaschinen ein. Es gibt kein Material, um sie zu fuettern. Das Haus liegt auf einem Huegel. Von hier kann man die umliegenden illegalen Siedlungen sehen und die Mauer, die sie schuetzen soll. Sie besteht an diesem Abschnitt nur aus Stacheldraht und Elektrozaun und trennt die Leute von Kufername und dem benachbarten Bil ‘in von ihren alten Olivenhainen. Wir treffen Suat wieder, die vor ein paar Wochen zu den 50-Jahr-Feierlichkeiten des WFD in Deutschland war. Sie macht einen deutlich geloesteren Eindruck, spricht viel und lacht gern. Spaeter erfahre ich, dass sie jeden Freitag mit den Leuten von Bil ‘in zum Stacheldraht vor der israelischen Siedlung demonstriert. teargasJeden Freitag schiessen die  Soldaten auf die Demonstration. Das Haus am Dorfeingang ist vom Einschlag der Geschosse zerloechert. Leere Granaten bedecken den Boden. Mit hochkonzentrierten Traenengas, Farbgranaten, Laerm- und Stinkbomben, die bei den Opfern Uebelkeit und Erbrechen hervorrufen, kommen die modernsten Mittel der Aufstandsbekaempfung zum Einsatz. Im Juli starb ein Demonstrant. Aus naechster Naehe war eine Granate gegen seine Brust abgefeuert worden. Nahezu jede Nacht stuermt die Armee das Dorf und verhaftet willkuerlich Menschen. Trotzdem ziehen die Leute von Bil ‘in jeden Freitag zum Stacheldrahtzaun. Als wir durchs Dorf fahren, winken sie freundlich und laecheln uns zu. Wie schaffen sie das?

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