Liebe Leserinnen und Leser,

Die Fußballer drcken die Schulbank - ein Termin vom Mittwoch
gestern war ein Tag voller Gespräche und Treffen, und das Tagebuch musste leiden. Auch heute, an meinem letztenTag in Ouagadougou werde ich keine Zeit für das Tagebuch finden. Heute Abend fliege ich zurück. Die Fotos, Videos und sonstige Materialien dieser Reise werden in Kürze auf der Seite www.wfd.de zu finden sein.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
Martin Zint
23. März 2010 – heute steht der Besuch bei Familie Habidine an.

Abdoulkader neben dem Bauchladen seiner Tante
Abdoulkader Habidine ist Schüler bei FOGEBU und hat sich bereit erklärt, mich seiner Familie vorzustellen. Wir treffen auf seine Tante, seinen Onkel und die Großmutter. Abdoulkaders Eltern sind gestorben, als er noch klein war. Seitdem wuchs er in bei Onkel und Tante auf. Die sind, so sagt es Isaka Ouedraogo, sein Onkel, ganz offen, sehr froh, einen Kopf weniger ernähren zu müssen. Dafür und für die Schulbildung sind sie FOGEBU sehr dankbar. Außerdem sei Adoulkader ein echtes Talent mit dem Zeug zu einem internationalen Fußballer. Und Isaka muss es wissen, er ist selber Fußballtrainer. Er fragt mich, ob ich seinen Neffen nicht mit nach Deutschland nehmen kann. Leider nein. Ich frage Abdoulkader ob er einen Plan B hat, wenn es mit der Fußballkarriere nicht klappt. Nein! Aber es gibt doch so viele gute Fußballer? Mmhh, dann vielleicht was mit Handel kommt nach längerem Nachdenken. Aber wirklich nur, wenn es gar nicht mit dem Fußball klappt. Seine Familie lebt jetzt von einem Bauchladen mit Bonbons, Keksen und Zigaretten.

Abschied von Famlie Habidine

Spülen ist (auch) Männersache!
22. März 2010 – mein erster Tag im Fußballinternat. Es liegt etwas einsam in einem Neubaugebiet am Stadtrand, das gerade erst erschlossen wird. Die Jungens sind freundlich, aber sichtlich geniert, dass ich ihnen mit der Videokamera bei ihren Alltagsbeschäftigungen zuschaue. Die Jungens halten die Räume sauber, spülen ab und waschen ihre Wäsche selber. Da täglich zweimal trainiert wird, kommt einiges zusammen. Wen immer ich von den Schülern nach seinem Berufswunsch frage, die Antwort lautet: Profifußballer. Realistischerweise werden allenfalls einige den Weg in den Berufsfußball finden. Deshalb wird auf Schulbesuch großen Wert gelegt, wer da fehlt oder auch keine Leistung bringt, riskiert Trainingsverbot. Deshalb, und weil die Internatsschule besser ausgestattet ist als normale Schulen, in denen bis zu 100 Kindern in einer Klasse unterrichtet werden, sind die Leistungen zufrieden stellend. Der erste Jahrgang hat den Hauptschulabschluss komplett bestanden. Auch wenn die Jugendlichen das im Moment noch als zweitrangig betrachten, es wird für die meisten der Moment kommen, an dem sie froh sein werden, ihre Jugend nicht komplett an den Fußball verkauft zu haben. Die am Samstag erwähnten Adama und Aristide haben noch ausschließlich ihre Karriere im Kopf.
Mein Besuch fällt in die Osterferien, die heute begonnen haben. Also kein Schulunterricht. Aber das Fussballtraining geht in zwei von drei Ferienwochen weiter. Also auch für die keine Heimfahrt, die eine Familie haben. Es ist schon eine ziemliche Herausforderung für die Erzieher, 72 Jugendliche weit vor der Stadt bei Laune zu halten. Als sehr hilfreich erweist sich der mit Solarenergie betriebene Fernseher mit Video und DVD. An zwei Abenden der Woche, Donnerstag und Samstag, legen die Erzieher pädagogisch wertvolle Kassetten ein, mit denen die soziale Erziehung der Jugendlichen gefördert werden soll. Da wäre ich gerne mal Mäuschen. Als ich da bin, laufen Musikvideos.
Heute ist der Weltwassertag. Der macht hier in den Medien ziemlich viel Wind. 9 Millionen, der ca. 14 Millionen Burkinabé haben keinen Zugang zu WCs, eine enorme gesundheitliche Belastung. Sie betrifft auch die Ballungsgebiete. Wo bei uns steht „Plakatieren verboten“ steht hier „Pinkeln verboten“. Mit dem Zugang zu Trinkwasser sieht es auch problematisch aus. Vor allem Kinder verdienen sich damit etwas Geld. 10 CFA (2 Eurocent) kostet ein mit ca. einem Viertelliter Wasser gefüllter Plastikbeutel. Eine Packung mit leeren Plastikbeuteln, freier Zugang zu einem Wasserhahn und fertig ist das Kleinunternehmen. Mit dem melodischen Ruf Lololololooo (französisch für Wasser, Wasser, Wasser) gehen die Wasserbeutel bei derzeit etwa 40 Grad im Schatten weg, wie bei uns die sprichwörtlichen warmen Brötchen. Da kann man nur hoffen, dass der Produzent den Wasserhahn nicht nur als Geldquelle, sondern auch zum Waschen der Hände benutzt. Oder man kauft sich, wenn man es sich leisten kann, Markenwasser für fast den zehnfachen Preis. Das hat dann sogar ein Verfallsdatum aufgedruckt.

Burkinische Fußballfans
Sonntag, das Leben hält an, auch in Ouagadougou. Belebt sind nur die Maquis (Kneipen) und die Kirchen, von denen es viele gibt. Von der imposanten Kathedrale bis zu Zelten, die windige Missionare aufbauen um den Ärmsten der Armen das Heil zu verkünden, inklusive Heilung von Krankheiten und die Lösung von Beziehungsproblemen. In Wirklichkeit werden lediglich die finanziellen Probleme der selbsternannten Missionare und Wunderheiler gelöst. Ansonsten geben sich die Männer ihren meist einfachen Vergnügungen hin: sich mit anderen Männern unterhalten und Bier trinken. Für die Frauen ist der Sonntag deshalb ein besonders wichtiger Tag. Sie können sich mit ihren Freundinnen treffen. Viele Mikrokreditvereine/Sparklubs treffen sich Sonntags – so machen die Frauen aus der Untugend der Männer eine (entwicklungsfördernde) Tugend. Ich besuche ein Fußballspiel der 1. Liga, am meisten Spaß machen die Zuschauer, die ihr Team zum Sieg trommeln. Es funktioniert.
20. März 2010 – das Wochenende ist Fußballzeit, auch in Burkina Faso. An diesem Samstag morgen spielen der

Szene aus dem Spiel 3. gegen 4. Jahrgang FOGEBU
3.Jahrgang des Fußballinternats gegen den 4. Jahrgang. 8:00 Uhr ist Anstoß, der beinahe ausgefallen wäre. Es bläst ein kräftiger Harmattan und dieser Wüstenwind bringt so viel Staub mit, dass ein roter Nebel das Land verhüllt und gerade mal hundert Meter Sichtweite lässt, also bis zum gegenüberliegenden Tor. Das Atmen fällt bei diesem Wetter auch nicht gerade leichter. Aber der Schiedsrichter pfeift an. In einem sehenswerten Spiel auf hohem technischen Niveau gewinnen die Älteren standesgemäß mit 3:1.
Zurück im Hotel steht ein Umzug an. Ich werde übers Wochenende in ein benachbartes Hotel umquartiert. Eine italienische Reisegesellschaft belegt das nette Hotel, in dem ich wohne komplett. Mein Ausweichquartier ist ein seelenloser Betonblock mit konfektionierten Zimmern, wie er auch in Berlin steht oder jeder beliebigen anderen Stadt steht. Sauber und ordentlich. Bei den zahlreichen Stromausfällen ist nach kurzer Zeit ein Generator in Aktion und macht aus dem Hotel einen Leuchtturm in der Stadt, die im Dunklen liegt. Heftiger betroffen von den Stromausfällen sind die Patienten eines großen Gesundheitszentrums (CSPS). Dort gibt es keine funktionierenden Generatoren, wie die Zeitung Sidwaya schreibt, und Infusionen laufen notfalls bei Kerzenschein. Dieses direkte Nebeneinander von Wohlstand und unglaublicher Armut macht mich wütend und ratlos.
Nachmittags findet im Städtischen Stadion ein Pokalspiel statt. Es ist die Vorrunde zum Faso-Cup und es stehen sich der FCO (Fußballclub Ouagadougou) und COSAF (diesen Namen/Abkürzung konnte mir niemand erklären) gegenüber. Der Sieger steht mit 16 Vereinen in der ersten Runde des Pokal-Wettbewerbes, es geht also um etwas. Bei COSAF spielen drei Absolventen von FOGEBU. Adama im Tor ist von Beginn an dabei, Aristide wird eingewechselt. Obwohl er als Stürmer noch mal ordentlich Druck macht, fällt kein Tor. 0:0 bedeutet Elfmeterschießen, Verlängerung mag hier bei fast 40 Grad niemand spielen. Adama hält einen Elfmeter, seine Mannschaftskollegen verwandeln alle ihre Elfmeter, auch Aristide schießt ein Tor. Damit ist COSAF qualifiziert. Adama und Aristide würden gerne in der Bundesliga spielen, wie eigentlich alle jungen Fußballer in Burkina Faso. Mit dem Fußballtalent lässt sich nur im Ausland Geld verdienen. Immerhin, im Fußballinternat haben sie ihren Hauptschulabschluss machen können und haben so auch auf diesem Gebiet vielen ihrer Altersgenossen im Lande etwas voraus.
Abends habe ich das besondere Erlebnis eines Stromausfalls auf der Straße. Zwischen Taxi und einer Restauranttür stehe ich plötzlich in finsterster Nacht. Ich bleibe stehen wo ich bin und warte. Nach ein paar –langen und bangen – Minuten springt der Generator des Restaurants an und sein Licht weist mir den weiteren Weg. Was ganz gut passt, denn dieses Restaurant wird von Ordensschwestern geführt. Die Schwestern von Eau Vive (lebendes Wasser) haben sich die Gastronomie für ihren Dienst am Nächsten auserwählt. Als Dessert gibt es ein zur Gitarre gesungenes Ave Maria Gratis.