Public Viewing

Von Alex, 6. Juli 2010 14:08

Ouagadougou, 2. Juli 2010

Großbildleinwand, hunderte von Menschen und gute Stimmung. Das ist Public Viewing. Omnipräsente Sponsoren, erhöhte Preise und Werbung während der Halbzeitanalyse, auch das ist Public Viewing. Das Phänomen ist dieses Jahr mit all seinen Facetten auch in Ouagadougou angekommen.

Eine in Frankreich gut etablierte Biermarke präsentiert sich im Stadtteil Kalgondin auf einem abgesperrten Gelände mit ca. 300 Stühlen und Tischen vor einer Großbildleinwand. Der Eintritt ist kostenlos, das Bier ein wenig teurer als sonst und eine private Sicherheitsfirma sorgt dafür, dass noch mal etwa rund 100 Menschen, die nicht im abgesperrten Gelände konsumieren wollen (und zum Großteil auch nicht können) auch mindestens 10 Meter Abstand zur Absperrung halten. Je nach Spiel verfolgen sie im Stehen oder auf dem Boden sitzend ohne ein Bier, das immerhin 2/3 des gesetzlichen täglichen Mindestlohns kostet, die Partien. In der Halbzeitpause und nach dem Spiel finden Animationen und Gewinnspiele statt, bei denen der Sponsor T-Shirts, Schildmützen und Bälle verlost. Um am Gewinnspiel teilzunehmen zu können, muss man zuerst ein Bier kaufen. Wird man dann ausgewählt, auf die Bühne kommen zu dürfen, muss man noch einmal ein „Visa“, wie es der Moderator so schön nennt, in Form eines weiteren Biers erstehen. Die Lobpreisungen des Moderators auf die Bierqualität und seine Bitten um Konsum, sind für uns ebenfalls ein wenig absurd: „Sie sind nicht irgendjemand, sie sind nicht irgendwo, trinken sie nicht irgendetwas. Wir sind hier um die WM zu unterstützen, wird sind hier um Afrika zu unterstützen, wir sind hier um SIE zu unterstützen, unterstützen sie UNS“. „Paris Export[1], das Bier, das keinen schlechten Atem macht, das sie trinken können und sich immer noch unter Kontrolle haben…“. Und das in einem Land, in dem die meisten Moslems sind und gar keinen Alkohol trinken.

écran

Für uns befremdlich ist auch, dass auf dem großen Bildschirm wirklich nur das Spiel gezeigt wird. Auf so überflüssige Dinge wie die Aufstellungen vor dem Spiel, Nationalhymnen, Halbzeitanalysen, Kommentare und Interviews nach dem Spiel wird hier gänzlich verzichtet. Die Übertragung beginnt meistens gerade rechtzeitig mit dem Anpfiff, die Halbzeitanalyse wird durch Werbung/Animation ersetzt und wenn diese nicht rechtzeitig beendet ist, wird das Spiel eben erst kurz nach Wiederanpfiff weiter gezeigt.

Die Burkinabè nehmen das Alles gelassen hin. Generell ist die Stimmung sehr freundlich und ausgelassen. Fans der gegnerischen Mannschaft werden zwar meistens im Spaß gefoppt, ernsthafte Provokationen oder gar Aggressivität, haben wir hier aber noch nicht erlebt. So waren alle Bedenken und Notfallpläne vor dem Spiel Deutschland gegen Ghana umsonst: Lieber nicht jubeln, wenn Deutschland gewinnt? Schnell das Deutschland Trikot ausziehen und die Ghana Flagge schwenken, wenn die Leute wütend werden? Im Notfall behaupten, man sei Deutsch-Ghanaer? Wie gesagt, Alles umsonst. Nach Abpfiff gab es außer dem lautstarken Wunsch nach einer Lokalrunde nichts zu befürchten. Plötzlich waren alle Deutschland Fans und meinten lachend, sie hätten die ganze Zeit heimlich Deutschland unterstützt. Mannschaftstreue ist hier teilweise eh so eine Sache. Dass sich jetzt alle Unterstützung der Burkinabè auf Ghana konzentriert, ist klar. Die Enttäuschung über die Leistung der anderen afrikanischen Mannschaften ist nach den Achtelfinals weitgehend verflogen und es dominiert die Hoffnung und Freude über Ghana. Es kommt aber auch vor, dass Mannschaften danach unterstützt werden, ob sich jemand findet, der die „Fangage“ bezahlt. Beim letzten Spiel saßen am Tisch vor uns fünf Burkinabè, die lautstark für England jubelten und nicht mal die Preiszettel an ihren England Shirts abgemacht haben, die der Engländer an ihrem Tisch kurz vor Spielbeginn aus seiner Tüte gezaubert hatte. Leider haben die zusätzlichen Fans der englischen Mannschaft kein Glück gebracht. Eine vier zu eins Niederlage im Achtelfinale gegen Deutschland und die Revenge für das Wembley-Tor sind für alle England Fans schwer zu verdauen. Nicht für die Burkinabè, die uns nach Abpfiff zum Sieg gratulierten und nachdem sie sich ein paar Sprüche anhören mussten, gerne noch ein Bier mit uns tranken.

drapeaux


Alex, Projekt FOGEBU, Ouagadougou

[1] Name geändert

Brasilien wird Weltmeister

Von Alex, 23. Juni 2010 18:39

Ouagadougou, 15. Juni 2010

Brasilien wird Weltmeister

Viele Experten weltweit sehen die brasilianische Seleçao ja als Favorit auf den Titel. Dass die Prognosen bei uns im Projekt aber so eindeutig sein würden, hätte niemand gedacht.

Für unsere Jungs hier gibt es nur einen Weltmeister: Brasilien. Mehr als die Hälfte unserer Internatsschüler sind sich sicher, dass Brasilien am 11. Juli die Kugel in den Händen halten wird. Deutschland? Sie werden auf jeden Fall die Vorrunde überstehen. Danke.

Flaggen malen

Ansonsten sprechen nur vier Jungs Deutschland ihr volles Vertrauen aus und nur zwei davon drücken Deutschland die Daumen (außer gegen Ghana). Wenn wir dann Mal nicht Weltmeister werden.

Der Großteil der gedrückten Daumen verteilt sich auf Brasilien, weil sie so schönen Fußball spielen und auf die afrikanischen Teams, damit die Kugel auf dem Kontinent bleibt. Welches afrikanische Team diese Aufgabe übernehmen soll? Trotz der hochkarätigen Gruppengegner in der Vorrunde, setzen viele hier im Projekt ihre Hoffnung in die Elfenbeinküste. Auch weil der ivorische Weltstar und Lieblingsspieler unserer Jungs, Didier Drogba, selbst mit nur einem gesunden Arm Tore am laufenden Band schießen wird. Zweifler überzeugen sie spielerisch mit „Lahm hat doch letztes Mal auch mit einem verletzten Arm gespielt und ein Tor geschossen“. Stimmt. Wieso also nicht Drogba?

Zur Stimmung hier im Projekt während der WM:Die Jungs versuchen so viel Zeit wie möglich vor dem Fernseher zu verbringen. Heute haben sie sogar geschlossen darum gebeten, das Fußballtraining ausfallen zu lassen, um das Spiel der Elfenbeinküste verfolgen zu können. Einzelne haben sogar über vorgetäuschte Verletzungen nachgedacht, um nicht am täglichen Schul- und Sportprogramm teilnehmen zu müssen. Verkehrte Welt. Normalerweise versuchen sie eher verstauchte Knöchel, Zerrungen, usw. zu verbergen, damit sie am Fußballtraining teilnehmen dürfen. Bei all dem Trubel fragt man sich, was  eigentlich die Begeisterung der Jungs für die WM ausmacht. Es gibt vielerlei Gründe. Alle hier freuen sich, guten Fußball und vor allem ihre großen Vorbilder spielen zu sehen. Sie sehen auch die Gelegenheit, für sie komplett unbekannte Mannschaften und Länder kennen zu lernen: „Wieso nimmt Slowenien eigentlich zwei Mal teil?“ Mal im Ernst, Slowenien /Slowakei, das kann auch Mal verwirren. Neben dem Fußball sehen einige unserer Internatsschüler in der WM die Chance, dass Menschen aus vielen Ländern aufeinander treffen und die Begegnung zu mehr Toleranz und Freundschaft zwischen den Völkern führt. Am wichtigsten ist aber für sie, dass die WM zum ersten Mal in Afrika stattfindet und sich der Kontinent, auf dem Fußball so viel bedeutet und seine Mannschaften der Welt präsentieren können. Wenn nicht jetzt, wann dann? sagen die Jungs und hoffen auf eine in jeglicher Hinsicht erfolgreiche WM.

Hier gibt’s noch ein Foto der Jungs und der Köchinnen mit Projektchefin und den entsprechenden Lieblingsmannschaften

jungs

cuisinières

Alex, Praktikant im Projekt FOGEBU, Ouagadougou

Vorfreude auf die Fußball-WM

Von Alex, 10. Juni 2010 00:31

Zwei Tage sind es noch. Zwei Tage voller Spannung und Erwartung. Gleich wie in Deutschland dreht sich hier in Burkina Faso seit Wochen Alles um Fußball. Wie das erst wäre, wenn die „Etalons“, die burkinische Nationalmannschaft, teilnehmen würde, ist schwer vorstellbar. Da Burkina sich nicht qualifiziert hat, sind eben fast Alle in diesem fußballverrückten Land für die teilnehmenden afrikanischen Mannschaften. Die Elfenbeinküste mit Drogba, Kamerun mit Etoo, Ghana, Nigeria, Südafrika und selbst Algerien sollen kräftig unterstützt werden. In einem Café erklärte man mir augenzwinkernd, „Während der WM sind wir alle Brüder, eine Familie. Wir sind Afrika. Etoo, Drogba, Essien…alles Brüder. Während des Afrika-Cups ist das was anderes, da streitet man auch mal gerne in der Familie“.

Auch in unserem Bildungs- und Fußballinternat dreht sich seit kurzem noch mehr um Fußball als vorher. Wenn wir ihnen heute noch die Fußball-ToTo Spielpläne zum Tippen austeilen, werden die sechzig Jungs kaum noch zu bremsen sein…Ich bin mir sicher, dass sie bereits jetzt vom Finale Elfenbeinküste gegen Kamerun träumen und sich auf nichts Anderes mehr konzentrieren können. In Gedanken nehmen sie selbst Teil an der WM; sie kommentieren die Torszenen im Training „Pass auf Drogba, er täuscht an, dribbelt, schießt, TOOOR“ und geben sich die Namen der hier allbekannten Spieler: Samuel, Didier, Michael, usw.

3ème promotion FOGEBU

So viel zu den ersten Impressionen im Vorfeld der Fußball WM. Bald gibt’s mehr zur Stimmung hier im Projekt und auf den Straßen. Ich freue mich auf jeden Fall auf spannende, emotionale Wochen auf dem fußballverrückten Kontinent.

Alex, Praktikant im Projekt FOGEBU, Ouagadougou

fogebu@yahoo.fr

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