Public Viewing
Ouagadougou, 2. Juli 2010
Großbildleinwand, hunderte von Menschen und gute Stimmung. Das ist Public Viewing. Omnipräsente Sponsoren, erhöhte Preise und Werbung während der Halbzeitanalyse, auch das ist Public Viewing. Das Phänomen ist dieses Jahr mit all seinen Facetten auch in Ouagadougou angekommen.

Eine in Frankreich gut etablierte Biermarke präsentiert sich im Stadtteil Kalgondin auf einem abgesperrten Gelände mit ca. 300 Stühlen und Tischen vor einer Großbildleinwand. Der Eintritt ist kostenlos, das Bier ein wenig teurer als sonst und eine private Sicherheitsfirma sorgt dafür, dass noch mal etwa rund 100 Menschen, die nicht im abgesperrten Gelände konsumieren wollen (und zum Großteil auch nicht können) auch mindestens 10 Meter Abstand zur Absperrung halten. Je nach Spiel verfolgen sie im Stehen oder auf dem Boden sitzend ohne ein Bier, das immerhin 2/3 des gesetzlichen täglichen Mindestlohns kostet, die Partien. In der Halbzeitpause und nach dem Spiel finden Animationen und Gewinnspiele statt, bei denen der Sponsor T-Shirts, Schildmützen und Bälle verlost. Um am Gewinnspiel teilzunehmen zu können, muss man zuerst ein Bier kaufen. Wird man dann ausgewählt, auf die Bühne kommen zu dürfen, muss man noch einmal ein „Visa“, wie es der Moderator so schön nennt, in Form eines weiteren Biers erstehen. Die Lobpreisungen des Moderators auf die Bierqualität und seine Bitten um Konsum, sind für uns ebenfalls ein wenig absurd: „Sie sind nicht irgendjemand, sie sind nicht irgendwo, trinken sie nicht irgendetwas. Wir sind hier um die WM zu unterstützen, wird sind hier um Afrika zu unterstützen, wir sind hier um SIE zu unterstützen, unterstützen sie UNS“. „Paris Export[1], das Bier, das keinen schlechten Atem macht, das sie trinken können und sich immer noch unter Kontrolle haben…“. Und das in einem Land, in dem die meisten Moslems sind und gar keinen Alkohol trinken.
Für uns befremdlich ist auch, dass auf dem großen Bildschirm wirklich nur das Spiel gezeigt wird. Auf so überflüssige Dinge wie die Aufstellungen vor dem Spiel, Nationalhymnen, Halbzeitanalysen, Kommentare und Interviews nach dem Spiel wird hier gänzlich verzichtet. Die Übertragung beginnt meistens gerade rechtzeitig mit dem Anpfiff, die Halbzeitanalyse wird durch Werbung/Animation ersetzt und wenn diese nicht rechtzeitig beendet ist, wird das Spiel eben erst kurz nach Wiederanpfiff weiter gezeigt.
Die Burkinabè nehmen das Alles gelassen hin. Generell ist die Stimmung sehr freundlich und ausgelassen. Fans der gegnerischen Mannschaft werden zwar meistens im Spaß gefoppt, ernsthafte Provokationen oder gar Aggressivität, haben wir hier aber noch nicht erlebt. So waren alle Bedenken und Notfallpläne vor dem Spiel Deutschland gegen Ghana umsonst: Lieber nicht jubeln, wenn Deutschland gewinnt? Schnell das Deutschland Trikot ausziehen und die Ghana Flagge schwenken, wenn die Leute wütend werden? Im Notfall behaupten, man sei Deutsch-Ghanaer? Wie gesagt, Alles umsonst. Nach Abpfiff gab es außer dem lautstarken Wunsch nach einer Lokalrunde nichts zu befürchten. Plötzlich waren alle Deutschland Fans und meinten lachend, sie hätten die ganze Zeit heimlich Deutschland unterstützt. Mannschaftstreue ist hier teilweise eh so eine Sache. Dass sich jetzt alle Unterstützung der Burkinabè auf Ghana konzentriert, ist klar. Die Enttäuschung über die Leistung der anderen afrikanischen Mannschaften ist nach den Achtelfinals weitgehend verflogen und es dominiert die Hoffnung und Freude über Ghana. Es kommt aber auch vor, dass Mannschaften danach unterstützt werden, ob sich jemand findet, der die „Fangage“ bezahlt. Beim letzten Spiel saßen am Tisch vor uns fünf Burkinabè, die lautstark für England jubelten und nicht mal die Preiszettel an ihren England Shirts abgemacht haben, die der Engländer an ihrem Tisch kurz vor Spielbeginn aus seiner Tüte gezaubert hatte. Leider haben die zusätzlichen Fans der englischen Mannschaft kein Glück gebracht. Eine vier zu eins Niederlage im Achtelfinale gegen Deutschland und die Revenge für das Wembley-Tor sind für alle England Fans schwer zu verdauen. Nicht für die Burkinabè, die uns nach Abpfiff zum Sieg gratulierten und nachdem sie sich ein paar Sprüche anhören mussten, gerne noch ein Bier mit uns tranken.
Alex, Projekt FOGEBU, Ouagadougou
[1] Name geändert



